Wien - Angefangen hat das alles ja im Aurignacien, also zwischen 60.000 und 40.000 vor Christus. Recht lebensnah tummelten sich da allerhand vierbeinige Grundnahrungsmittel auf buckeligen Höhlenwänden. Soweit man aus den nicht vorhandenen Quellen aber schließt, hatte das wenig mit Schmuckbedürfnis und schon gar noch nichts mit Kunstwollen zu tun. Eher schon mit einer wenig rationalen Idee von Jagd. Möglich, dass die Vorstellung verbreitet war, das Festigen des Abbildes des prospektiven nächsten Abendmahls würde dieses gleich selbst bannen und damit auch mit ursprünglichster Jagdtechnologie überrumpelbar machen.

Später dann kamen auch die alten Ägypter dem Schaubedürfnis wenig entgegen, malten sie doch vorwiegend für die Toten. Die frühen Christen malten dann schon für die Lebenden - die sich nach dem Jenseits sehnten. Erst Giotto sollte dann wieder in den realen Raum zurückfinden. Die barocke Illusionsmalerei nahm sich diesen dann zum eigentlichen Thema hinter der vorgetäuscht christlichen Absicht.

Bis zu Ferdinand Hodler war dann wieder Pause mit dem Wandmalen. Und die deStijl-Leute waren dann auch schon die letzten, die mit den Architekten eine utopische Absicht gemein hatten. Ab dann konnte alles nur mehr hinterfragt, bespiegelt, selbstreflektiert werden. Immerhin war dann aber auch alles würdig, diesem Prozedere unterworfen zu werden.

Und jetzt macht Ernst Caramelle (auch) in der Bawag Wandbilder, topographische Inszenierungen, zur Verhältnismäßigkeit der raumkonstituierenden Elemente. Und eint subjektiven Blick, öffentlichen Raum, historische Last, intimes Erfahren und scheußlichen Teppichboden in versöhnlicher Harmonie. Bis 25. November, bis ein anderer sich dann zu einem ihm adäquaten Umgang mit dem Schauraum entschließt.

Und Caramelle wieder seinem Tagwerk nachgeht, skizziernd, notierend, fotografierend dem Alltäglichen das Besondere abgewinnt. Die flüchtige Wandmalerei dient als Provisorium, den Status des Raumes und zugleich den seiner gegenwärtigen Wahrnehmung zu deuten.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 29.09.2001)