Wien - Drei Tage nach dem Bühnenauftakt in der Tanzquartier-Halle G wurde das eigentliche Tanzquartier, also der Studiobereich und das Informationszentrum, eröffnet. Ab Nachmittag hieß es Open House , zur Eröffnung gab es eine Performance: Im Haupthof des Museumsquartiers versteigerte Hubsi Kramar zu Diskontpreisen "Gesten für Österreich" (interpretiert von der Künstlerin Miki Malör); im Produktionsstudio führte die Trainingsleiterin für professionelle, tänzerische Fortbildung, Milli Bitterli, mit ihren Kollegen ambitionierte Amateure in elementares, aktuelles Bewegungsrepertoire ein, und in der öffentlichen Bibliothek lasen Julius Deutschbauer und Gerhard Spring aus dem Kontext gegriffene Sätze aus Büchern der noch "ungelesenen Bibliothek". Der Schweizer "Spurensucher" Hans-Peter Litscher erinnerte an die österreichische "Tanzpionierin" Laura Wolff - angeblich eine bedeutende Persönlichkeit des Wiener expressionistischen Tanzes. Seltsam nur, dass diese Dame hier keiner kennt, dass sich niemand an diese angebliche Protagonistin einer ganz gut historisch aufgearbeiteten Epoche erinnert. Da kann man nur noch spekulieren! Bei einem auf betont witzig getrimmten Eröffnungsreigen sollte man eben nicht alles ganz so ernst nehmen. Und Barbara Kraus, die seit Wochen mit Expertenteam das Laborstudio für Forschungen im Bereich der "intersexuellen Transformation" in Beschlag genommen hat, führte einen improvisierten Striptease mit feministischem Ernst vor. Später wurde jenes Studio auf performative Wirkung getestet, das tagsüber als Raum zur Fortbildung genützt wird und abends genug Raum für Showings und Tanzperformances bietet. "Vorerst bestanden!", kann man da nur sagen.
Moderne Klassiker
Zu sehen war A bras le corps , ein acht Jahre altes, heute schon fast als Klassiker des zeitgenössischen Tanzes angesehenes Stück von und mit Dimitri Chamblas und Boris Charmatz. Zwei, in der Tanzszene sehr bekannte Franzosen (Charmatz' letzte, eher Weltuntergangsstimmung evozierende Werke waren ja in Wien bereits zu sehen), die auf ziemlich begrenztem rechteckigem Raum, mit der Bühne im Mittelpunkt - das Publikum sitzt um den Aktionsraum - eine ins Heute verlagerte Anthologie ihrer tänzerischen wie mentalen Entwicklung preisgeben. Ihre bisherigen Erfahrungen gebündelt und weiterentwickelt. Zu sehen bekommt man eine intellektuelle Auseinandersetzung, die den formalen Rahmen eines Duetts nicht sprengt. Zwei Männer in Konfrontation, zwei Männer, die wohl dieselbe Entwicklung durchgemacht haben, die sogar das klassische Vokabular intus haben, das sie durch die Schule eines Merce Cunningham modifizierten und mit diversen Strömungen des Post Modern Dance, inklusive der von Steve Paxton entwickelten Contact Improvisation, veredelt haben. Ein keineswegs antiquierter Rückblick, vielleicht sogar ein Ansatzpunkt für Zukünftiges. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 10. 2001)