Wien - Karl Lengheimer weiß, wie man ihn nennen wird: Nestbeschmutzer. Das ist dem langjährigen Bezirksvorsteher Wiedens aber vergleichsweise egal: "Ich setze mich bewusst dem Vorwurf der Nestbeschmutzung aus. Irgendwann muss etwas passieren." Bevor sich etwas ändern könne, sei eine schonungslose Darstellung des Ist-Zustands gefragt. Getreu diesem Motto schildert der Ex-Parteigrande im in Kürze erscheinenden Buch "Wien - Bürgertum ade?" gnadenlos Parteiinterna, die den desaströsen Zustand der Wiener ÖVP zeigen sollen. Dabei kommt kein ÖVP-Spitzenfunktionär gut weg. Über Johannes Prochaska heißt es etwa: "Teamfähigkeit und Kameradschaftlichkeit, zwei für einen Klubchef wichtige Charaktermerkmale, sind seine Sache nicht. Er schaffte es, sich bei Klubklausuren während des abendlichen gemütlichen Beisammenseins mit finsterer Miene in einem Seminarraum zu verbarrikadieren." Prochaskas Unbeliebtheit sei so groß, dass "Klubmitarbeiter das übliche Gruppenfoto verweigerten". Schärfer das Urteil über ÖVP-Chef Bernhard Görg: "Alles, was Politik zur lust 2. Spalte vollen Beschäftigung macht, ist Görg fremd." Strategie etwa. So schildert Lengheimer, wie sich die ÖVP 1996 bei den Koalitionsvereinbarungen von der SPÖ austricksen ließ. Der Side-Letter

Und bestätigt dabei auch die Existenz des immer abgestrittenen Side-Letters zur Koalitionsvereinbarung. In diesem Papier seien Verabredungen, ÖVP-Wünsche und Machtzuwächse, etwa Posten, für die ÖVP enthalten gewesen. Die Existenz des Side-Letters sickerte durch eine Indiskretion in die Medien, wurde dementiert - und die Vereinbarungen, die der ÖVP genutzt hät 3. Spalte ten, damit nichtig. Womit für Lengheimer klar ist, wer die Indiskretion beging: Die SPÖ. Die ÖVP hingegen konnte in der Koalition wenig bewegen. Und landete 2001 wieder in der Opposition - mit einem Stimmenanteil von 16 Prozent. Lengheimer wundert sich aber nicht, dass Görg blieb: Nicht einmal er als Görg-Kritiker schaffte es, auf Görg wütend zu werden: "Der Mann erweckt keine Gefühle." So geht es, gespickt mit vernichtenden und pikanten Details, auf fast 200 Seiten dahin. Und schließt mit einem Appell, der toten Wiener ÖVP wieder Leben einzuhauchen: "Auch die Bundes-ÖVP wird ihre noble Zurückhaltung aufgeben und erkennen müssen, dass auch sie keinen Erfolg hat, wenn die ÖVP in Wien in Agonie liegt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.10.2001)