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Standard: Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die österreichische Regierung jetzt dar? Habsburg: Eigentlich recht positiv. Man hat ja alle möglichen Katastrophen vorausgesagt, und keine einzige ist eingetreten. Standard: Engagiert sich Österreich bei der Osterweiterung genug? Habsburg: Österreich sollte sich noch stärker engagieren. Schließlich sind das unsere Partner. Schauen Sie, wie die spontan reagiert haben, als dieser Überfall auf uns gekommen ist (die EU-Sanktionen, Anm.)! Ungarn, Kroaten, Slowaken - die haben doch sehr stark zu uns gehalten. Standard: Aber nicht die tschechische Republik. Habsburg: Nein, die hat sich leider sehr elend verhalten. Die Mehrheit war jedoch absolut bei uns, und für die sollte man eintreten. Aber ich glaube, das tut die Frau Ferrero- Waldner auch ganz gut. Standard: Wäre es sinnvoll, den Beitritt Tschechiens zur EU mit der Stilllegung von Temelín zu verknüpfen? Habsburg: Das kann man nicht machen. Obwohl ich sehr unglücklich über Temelín bin und finde, es sollte alles getan werden, um es zu verhindern. Wenn man ein Kernkraftwerk baut, soll man es nicht so provokativ zum Nachbarn hinein- und außerdem so schlecht bauen. Aber die Osterweiterung ist für uns auf jeden Fall von Interesse. Niemand sollte eine Politik in der Illusion machen, dass es niemals mehr Konflikte geben wird. Standard: Und was ist mit den Benes-Dekreten? Habsburg: Das ist etwas ganz anderes. Wenn Sie die Benes- Dekrete neben den Menschenrechtserklärungen lesen, ist ein totaler Widerspruch drin. Standard: Das heißt, die Rücknahme sollte Voraussetzung für einen Beitritt sein? Habsburg: Ja, weil das eine juristische Frage ist. Standard: Welche Länder würden Sie als beitrittsreif bezeichnen? Habsburg: Ich würde sagen: größte Eile, Beitritt auf jeden Fall. Schauen Sie, als wir seinerzeit die Süderweiterung gemacht haben - ich war Obmann im außenpolitischen Ausschuss -, ist der kluge Beschluss gefasst worden, Portugal aufzunehmen, obwohl es den Kriterien überhaupt nicht entsprochen hat. Aber die Potenziale waren da. Man hat es aufgenommen, und es hat sich sehr positiv ausgewirkt. Für mich ist die Europäische Union primär eine Sicherheits- und erst sekundär eine wirtschaftliche Gemeinschaft. Allerdings hängt beides total zusammen. Standard: Finden Sie die Neutralität Österreichs obsolet? Habsburg: Sie hatte ihren Sinn gehabt, solange wir an der Außengrenze waren, wo sich zwei Welten getroffen haben. Jetzt sind wir drinnen - ich sehe nicht mehr ganz den Sinn, sich die eigene Souveränität so zu beschränken. Standard: Österreich sollte Ihrer Meinung nach an einer Sicherheitsgemeinschaft teilnehmen? Habsburg: Absolut. Schauen Sie, es ist ja unser Interesse. Warum sollten wir auf etwas bestehen, das wir damals machen mussten? Wir haben nicht gelechzt nach der Neutralität! Es war die Bedingung, damit wir endlich die Russen hinausbekommen. Standard: Was halten Sie vom Referendum, das die FPÖ zur Osterweiterung anstrebt? Habsburg: Ich halte es für total illegal, dass irgendein Land nach eigenen Kriterien über die anderen abstimmt. Es gibt ein Recht auf Europa. Standard: Themenwechsel: Soll der österreichische Bundespräsident mehr als nur eine respräsentative Rolle spielen? Habsburg: Ich halte es für falsch, wenn ein Staatsoberhaupt offiziell in die Regierung hineinredet. Es gibt etwas in der englischen Verfassung, das sehr wichtig ist: the power of advice - die Macht, Ratschläge zu erteilen. Aber das heißt nicht, dass man sie öffentlich geben muss. Standard: Glauben Sie, dass Österreich nach den US-Terrorangriffen eine Vermittlerrolle spielen kann oder soll? Habsburg: Zumindest so weit, dass ein furchtbarer Gedanke ausgeschaltet werden kann: nämlich der immer wieder auftauchende "Krieg der Kulturen". Das dürfen wir nicht zulassen. Es gibt sehr viel Gemeinsames zwischen uns und der islamischen Welt. Eine Vermittlerrolle ist allerdings nur sehr diskret auszufüllen. Standard: Tut es Ihnen eigentlich Leid, dass mit Ihrem Sohn Karl Habsburg - wegen der World-Vision-Affäre - das letzte Mitglied Ihrer Familie in Österreich aus der Politik ausgeschieden ist? Habsburg: Er wird sich woanders durchsetzen, er ist stark genug. Mein Sohn war ja ein ausgezeichneter EU-Parlamentarier. An ihm wurde Rufmord begangen. Das ist eine schändliche, unjuristische Sache gewesen. Österreich ist ja nur moderierender Rechtsstaat, er ist in dieser Frage kein voller Rechtsstaat. Weil es noch immer keinen Prozess gibt, bleibt die Sache hängen - als Damoklesschwert über gewisse Leute, vor denen man sich immer noch fürchtet. In einem Rechtsstaat wäre das undenkbar. Standard: Hat der österreichische Staat zur Familie Habsburg nach wie vor ein unbereinigtes Verhältnis? Habsburg: Ein bisschen schon. Aber es hat sich in letzter Zeit stark verbessert. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.10.2001)