"Wenn er doch nur seine Staatsbürgerschaft ändern könnte. Wir bräuchten einen Präsidenten wie ihn", soll ein Amerikaner aus dem südlichen Bundesstaat Georgia jüngst anerkennend über den britischen Premier gesagt haben. Der Mann teilte offenkundig den Eindruck vieler Briten, wonach Tony Blair in den Wochen seit dem 11. Sep- tember bisweilen entschlossener und martialischer wirkte als George W. Bush.

Auch in seiner Heimat hat sich Blair bereits die manchmal durchaus kritisch gemeinte Anrede "Präsident" oder "Feldmarschall" gefallen lassen müssen. Schon läuft unter Analysten und Historikern eine rege Debatte darüber, ob der Premier nun eher einem Winston Churchill nacheifere oder einem William Gladstone, der als Premier unter Königin Viktoria über eine große moralische Neuordnung der Welt nachdachte.

Der 48-Jährige strebt jedenfalls nach Höherem. Eine Amtszeit allein genüge ihm nicht, hatte Blair lange vor der Eröffnung des Wahlkampfs für den Urnengang in diesem Juni immer wieder erklärt. Die meisten Briten hatten seine Worte dahingehend ausgelegt, dass für die gewaltigen Aufgaben wie die Sanierung des öffentlichen Transportsektors oder des maroden Gesundheits- und Bildungswesens einfach mehr als vier Jahre vonnöten seien. Und sie gaben ihm eine zweite Chance mit einer überwältigenden Stimmenmehrheit.

Ein klareres Mandat hatte sich Blair, der mit 22 Jahren der damals noch wesentlich weiter links situierten alten Labour-Partei beigetreten und danach rapide aufgestiegen war, nicht wünschen können. Nun sollte er endlich zupacken können, ohne dass ihm, wie während der Treibstoffkrise im Vorjahr, der Schweiß das Hemd durchnässte.

Und dann, nach getaner Arbeit - klang zumindest an -, würde er sich zurückziehen, um Gattin Cherie, die wie er Jus absolviert hat, mehr Raum für die Verwirklichung ihrer richterlichen Ambitionen zu lassen. Ob er sich dann vor allem seiner Rolle als Vater von vier Kindern oder seinen alten Hobbys wie der Gitarre und der Schauspielerei widmen oder seine eines Predigers würdige Rhetorik für spätere neue Aufgaben perfektionieren würde, blieb offen.

Mit dem 11. September wurden solche Fragen irrelevant. Blair war nicht mehr nur Premier, auch nicht bloß Krisenpremier. Er sei zugleich Außen- und Verteidigungsminister, merkten Analysten an. Parlament und Kabinett nähmen zunehmend die Plätze von Statisten ein, mitreden dürfe lediglich ein inoffizielles Kriegskabinett enger Berater. Mit seiner Rede am Parteitag vorige Woche ließ der Premier dann keinen Zweifel mehr an seinen Ambitionen eines Staatsmannes von Welt und für die Welt. Auf dem internationalen Parkett gerät Blair nicht ins Schwitzen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 9.10.2001)