Die konventionellen politischen Analysen führen in die Sackgasse, die Bill of Rights ist kein Selbstmordpakt: Tony Judt, Geschichtswissenschafter an der New York University, fordert ein neues, nicht nur taktisches internationales Engagement der USA.Standard: Wie schätzen Sie die Reaktionen der politischen Öffentlichkeit in Amerika in den letzten vier Wochen ein? Judt: Was mich enttäuschte, war die Polarisierung der Kommentare und Reaktionen auf die Terrorattacken zwischen einer konventionellen Linken und einem ähnlich konventionellen konservativen Flügel. Es gab natürlich auch Linksextreme wie Noam Chomsky, der im Wesentlichen sagte, wir hätten das verdient, und auf der extrem rechten Seite Leute wie Jerry Falwell, die dasselbe sagten, wenn auch aus anderen Gründen - wir verdienten das wegen Abtreibung, Scheidung, Homosexualität blabla: eben die Strafe Gottes. Standard: Und dazwischen? Judt: Dazwischen gibt es hauptsächlich eine Rückkehr zu alten Positionen. Die Teach-ins an den Universitäten überall im Land - ich war gerade auf einer an der NYU - gehen alle darum, was "wir falsch gemacht haben". Kaum jemand spricht darüber, was taktisch oder strategisch als Nächstes geschehen sollte. The Nation zum Beispiel, eine typische Publikation der alten Linken, schreibt, dass die USA zu sehr in der Welt engagiert seien - ein seltsames Argument aus dieser Richtung. Gemeint ist: Wir seien nicht auf die richtige Art engagiert. Wenn wir uns um unsere Angelegenheiten gekümmert und uns aus dem Golf, Sudan, dem Kosovo, aus Panama fern gehalten hätten, dann würden uns die Leute nicht hassen, und diese Attacken wären nicht passiert. Standard: Ist das so falsch als Annahme? Judt: Nein, aber es ist sehr konventionell, es ist dasselbe, was schon vor dem 11. September gesagt wurde. Ich vermisse dabei die Fähigkeit zu sehen, was die Attacken an anderen Aspekten über den Zustand der Welt enthüllen. Es geht eben nicht mehr nur um amerikanisches Fehlverhalten.

Die Rechte, auch die gemäßigte, weigert sich ihrerseits, die Komplexität der Situation anzuerkennen. Ihrer Ansicht nach muss Bin Laden bestraft werden, der Terrorismus muss verschwinden, das dauert zwar viele Jahre, aber das müssen wir tun. Sie fragt sich nicht, mit wem wir da eigentlich Allianzen schmieden und wie das ist, wenn die USA sich wieder von ihren Verbündeten zurückziehen - was diese zu Feinden macht.

Und gerade weil Bush so hohe Popularitätswerte hat, vergisst man leicht, was in den Monaten vor den Attacken passiert ist, dass nämlich die Bush-Regierung sich lange geweigert hat, mit dem Rest der Welt zusammenzuarbeiten. Das durfte man damals nicht kritisieren. Die Lektion, die wir jetzt zu lernen haben, ist, dass es nicht genügt, eine bessere Überwachung in den Flughäfen zu installieren oder jetzt schnell taktische Allianzen einzugehen. Die Lektion lautet: Wenn wir uns in der Welt engagieren wollen, dann muss das ernsthaft sein und Kontinuität haben. Das Fehlen dieser Kontinuität ist Teil dessen, was die so genannte Dritte Welt an den USA hasst.

Ich vermute schließlich, dass die Ereignisse vom 11. September weniger an der amerikanischen Sicht der Welt ändern werden, als man jetzt annimmt. Denn die innenpolitische Obsession dreht sich um Sicherheit, die außenpolitische um die Jagd auf die Terroristen. Doch keine der beiden geht an die Wurzeln der internationalen Schwierigkeiten.

Standard: Welche sind die Aspekte, die die politischen Flügel in den USA Ihrer Ansicht nach ignorieren?

Judt: Ein Beispiel für die Linke: Direkt hier am Washington Square gab es eine Woche nach den Ereignissen ein riesiges Treffen zu Liedern von Lennon und Baez, mit We shall overcome und vielen Friedensreden. Denn die erste Lehre, die die amerikanische Linke zieht, lautet: kein Krieg. Sie fragt nicht, was stattdessen getan werden soll. Und wenn man sie fragt, dann sprechen sie von einem Weltgericht, das es nicht gibt, von einer UN-Streitkraft, die es auch nicht gibt, die aber Bin Laden vor ein Gericht bringen soll. Und so weiter.

Was die Leute an den großen Universitäten noch bewegt hat, ist die mögliche Beschränkung der Bürgerrechte - dabei ist Amerika ein Land, dessen bürgerliche Freiheiten schon sehr, sehr beschnitten werden müssten, bis sie das Niveau der französischen oder der niederländischen Zustände erreichen. Meine Antwort auf diese Sorge ist 100 Jahre alt und stammt von Richter Wendell Holmes: Die Bill of Rights ist kein Selbstmordpakt. Man muss die Freiheiten gegen die Notwendigkeiten abwägen. Doch dazu ist die Linke erstaunlich unfähig. Und jenseits der meines Erachtens richtigen Forderung, die USA sollen internationalen Kooperationen beitreten, hat die Linke in Fragen der Außenpolitik auch keine kohärente Vision.

Standard: Und die Rechte?

Judt: Ich gebe Ihnen dazu ein weiteres Beispiel: Israel. Während die Linke sagt, der Terror sei nur eine Folge der amerikanischen Allianz mit Israel, also einen strikten kausalen Zusammenhang zwischen Sharons und Bin Ladens Verbrechen annimmt, weigert sich die Rechte, da irgendeinen Zusammenhang zu sehen, da Bin Laden sowieso an keiner Lösung der Palästinenserfrage interessiert sei. Dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt, dass es da eine Ambiguität gibt: Damit kommt Amerika nur schwer zurecht.

Standard:Was könnte Washington tun? Judt: Die USA könnten in diesem konkreten Fall viel entschiedener für die Räumung der Siedlungsgebiete eintreten. Und allgemein: Sie müssten zum ersten Mal seit der Periode von 1945 bis zu Kennedys eine wirkliche Außenpolitik "erfinden". (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 9.10.2001)