Die Gewerkschafter, die 1945 den ÖGB neu gründeten, wollten die gewerkschaftliche Vertretung möglichst eindeutig organisieren, damit die Bewegung nicht politisch gespaltet werden kann: Daher bot sich das Modell an, die Beschäftigten nach Wirtschaftsbereichen zusammenzufassen, was damals eine eindeutige Zuordnung darstellte.

Die Angestellten waren damals eine ebenso fest abgegrenzte Gruppe von Beschäftigten wie die Bauarbeiter, die Eisenbahner oder die Metallarbeiter - Gruppen mit klar umschriebenen Berufen und Interessen. Fünfeinhalb Jahrzehnte Sozialpolitik haben diese Grenzen aber verwischt. Jeder individuelle Erfolg, den ein Arbeiter beim Aufstieg in den Stand der Angestellten erreicht hat, hat die Bedeutung der Angestelltengewerkschaft GPA steigen lassen. Jeder Erfolg, den die Arbeiter als Gruppe bei der Angleichung ihrer Rechte an jene der Angestellten erzielt haben, hat die Bedeutung der GPA dagegen wieder relativiert.

Dass der ÖGB reformiert werden muss, war daher schon seit einem Jahrzehnt klar. Offen geblieben ist bis heute, welches gewerkschaftliche Modell eine serviceorientierte Betreuung der einzelnen Mitglieder und gleichzeitig eine schlagkräftige Organisation gewährleisten kann. Sicher ist nur, dass nach wie vor niemand parteipolitisch zersplitterte Gewerkschaften will.

Bleibt als nächstliegende Variante, große Wirtschaftsgruppen zu bilden, in denen die auch im betrieblichen Leben längst verwischten Unterschiede von Arbeitern und Angestellten aufgehoben sind. Dies aber hätte das Ende der GPA bedeutet - die mitgliederstärkste Einzelgewerkschaft wäre zerschlagen worden. Also wurde die Flucht nach vorne angetreten - und die Fusion mit den Metallern vorbereitet. Es ist abzusehen, dass das nur eine Teillösung sein kann - der Umbau des ÖGB geht weiter. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2001)