Ludwigsburg - Die Ursache vieler vermeintlicher Umweltkrankheiten liegt nach Überzeugung von Therapeuten in der Psyche der Patienten. Bei den meisten von ihnen seien die körperlichen Symptome wie Muskel-, Gelenk- und Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Hautveränderungen und Haarausfall mit psychischen Störungen und einer Neigung zur Hypochondrie verbunden, berichtete Hermann Ebel von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Umweltbezogene somatoforme beziehungsweise funktionelle Störung Die Patienten sind nach Angaben der Experten auf das Thema Umweltgefahren fixiert, weisen von vornherein Zweifel an ihren Krankheitsvorstellungen zurück und picken sich aus Medienberichten gezielt das heraus, was ihr Weltbild festigt. Der Fachausdruck dafür sei umweltbezogene somatoforme beziehungsweise funktionelle Störung. Beschwerden fast ausschließlich in westlichen Industriestaaten Nach Angaben des DGPPN-Präsidenten Max Schmauß kommen solche Beschwerden fast ausschließlich in westlichen Industriestaaten vor. "In ärmeren Ländern spielen sie keine Rolle, obwohl hier die Umweltverschmutzung oft ein noch größeres Problem darstellt", sagte Schmauß. Das deute darauf hin, dass dieses Phänomen an bestimmte kulturelle und soziale Voraussetzungen gebunden sei. Keine eingebildeten Kranken Trotzdem seien die Patienten keine eingebildeten Kranken, betonte Schmauß. Sie litten unter ihren Beschwerden genauso wie Patienten mit organischen Krankheiten. Etliche seien vorübergehend oder dauerhaft arbeitsunfähig. Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie sei daher, dass die Störungen ernst genommen würden. Hilfreich seien Entspannungstraining, Lernprogramme für den Umgang mit Stress und die Verbesserung sozialer Fähigkeiten. Bei extrem ängstlichen Patienten komme auch der Einsatz von Antidepressiva in Frage, erklärten die Experten. Neuroleptika könnten schließlich Patienten helfen, deren "fixe Idee, 'verseucht' zu sein, wahnhafte Ausmaße angenommen hat". Ursache in der Psyche nicht in der Umwelt Vor allem aber müsse der Therapeut dem Patienten helfen zu akzeptieren, dass nicht Umweltgifte, sondern psychische Störungen die wahre Ursache seiner Krankheit bildeten. Der Bedarf an Forschungen und an der Entwicklung von Behandlungskonzepten dürfte nach Ansicht der DGPPN noch steigen: Bei einer Umfrage in 1.446 Haushalten gaben 3,9 Prozent der Befragten an, dauerhaft unter Beschwerden zu leiden, die sie auf schädliche Chemikalien zurückführten. (APA/AP)