Wien - Die Historikerkommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit Österreichs und des Umgangs damit hat eine neue Aufgabe: In den kommenden 14 Monaten sollen bis zu 15 Historiker die Herkunft von mehr als 20.000 unmittelbar oder mittelbar im Eigentum des Bundes stehende Liegenschaften überprüfen und erfassen. Ergebnis des 8,4 Millionen Schilling teuren Projekts soll eine Datenbank als Grundlage für Entscheidung über die Restitution "arisierter" Liegenschaften sein. In dem im Jänner abgeschlossenen Entschädigungspaket ist eine Rückgabe "arisierter" Liegenschaften aus dem Eigentum des Bundes dann vorgesehen, wenn bisher kein Rückstellungsverfahren durchgeführt wurde oder dieses Verfahren extrem ungerecht abgelaufen ist. Zur Entscheidung über derartige Anträge ist ein dreiköpfiges Schiedsgremium eingesetzt worden. Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme aller mehr als 20.000 Liegenschaften des Bundes, erläuterte der Vorsitzende der Historikerkommission, Verwaltungsgerichtshofpräsident Clemens Jabloner, gegenüber der APA. Wenn wie etwa beim Parlament oder der Hofburg die Herkunft völlig klar sei, werde das Objekt nicht mehr weiter untersucht. Andernfalls wird der Ablauf des Rückstellungsverfahrens geprüft, auch müssten das Grundbuch und andere relevante Akten berücksichtigt werden. Dazu gehören laut Eva Blimlinger, Forschungskoordinatorin der Historikerkommission, Unterlagen über Rückstellungsverfahren oder Akten der Sammelstellen. "Wir haben einen doppelten Zweck", so Jabloner. Neben der Bereitstellung der Daten für die Schiedsinstanz sollen auch möglicherweise Betroffenen profitieren, welche die Recherchen dann nicht selbst durchführen müssten. Blimlinger wies darauf hin, dass es lediglich um die Zusammenstellung der Daten und nicht um eine Interpretation gehe. Auch Länder können mitmachen Geprüft werden Liegenschaften des Bundes, so wie das auch im Entschädigungsfondsgesetz vorgehen ist. Andere Gebietskörperschaften können dieser Regelung laut dem Gesetz beitreten: "Ob die Länder da mitmachen, ist ihre Sache", meinte Jabloner. Dass die Historikerkommission erst jetzt mit dem neuen Projekt beauftragt wurde, begründete Jabloner mit der Komplexität. Zum einem gebe es mit Bundeskanzler, Vizekanzlerin, Nationalratspräsident und Bundesratpräsident vier Auftraggeber. Zum anderen müsse zusätzlich zum bisherigen Budget der Kommission neues Geld zur Verfügung gestellt werden. Die lange Vorlaufzeit hat aber zumindest einen Vorteil: Laut Blimlinger sind die Vorarbeiten weitgehend erledigt. "Wir können in den nächsten 14 Tagen losstarten." Der "Kurier" berichtet in seiner Samstag-Ausgabe indessen von wertvollen Archiv-Funden, die nun in die Berichte der bereits laufenden Projekte der Historikerkommission eingearbeitet werden müssen. So seien in den Tiefspeicher der Landesarchive von Oberösterreich und Niederösterreich 60 bzw. 40 Kartons mit "Arisierungs"- und Rückstellungsakten ausgegraben worden, deren Existenz bis jetzt unbekannt gewesen sei. (APA)