Frankfurt/Main - Jürgen Habermas hat am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Der 72-Jährige Philosoph plädierte vor rund 1.000 Gästen - darunter der deutsche Bundespräsident Johannes Rau, Kanzler Gerhard Schröder, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Außenminister Joschka Fischer, Finanzminister Hans Eichel sowie Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin - für einen größeren gesellschaftlichen Respekt vor religiösen Sichtweisen. Auch für eine weitgehend säkularisierte Gesellschaft sei es vernünftig, "von der Religion Abstand zu halten, ohne sich deren Perspektive zu verschließen". Dies zeige sich in der Auseinandersetzung mit dem islamisch begründeten Terrorismus als auch bei der Gentechnik-Debatte. Bei dem von strengen Sicherheitsmaßnahmen begleiteten Festakt würdigte der Literaturwissenschafter Jan Philipp Reemtsma Habermas als wichtigsten deutschen Gegenwartsphilosophen. Der Westen habe im Prozess der Säkularisierung (Trennung von Kirche und Staat) die Religion an den Rand gedrängt, sagte Habermas. "Als sich Sünde in Schuld, das Vergehen gegen göttliche Gebote in den Verstoß gegen menschliche Gesetze verwandelte, ging etwas verloren." Wolle sich die Gesellschaft nicht von "wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden", müsse sie sich "einen Sinn für die Artikulationskraft religiöser Sprachen bewahren". Nach Worten von Habermas ist am 11. September beim Angriff auf die "kapitalistischen Zitadellen der westlichen Zivilisation" die Spannung zwischen säkularer Gesellschaft und Religion "explodiert". Wer einen Krieg der Kulturen vermeiden wolle, müsse sich bewusst machen, dass auch das Abendland die von der Säkularisierung hinterlassenen Probleme noch nicht gelöst habe. Der wichtigste lebende Vertreter der "Frankfurter Schule" sieht die Wurzeln des Terrorismus vor allem in "Gefühlen der Erniedrigung" und weniger in der Armut der Menschen in der Welt. Habermas forderte, in die Debatte um Genmanipulation religiöse Moralvorstellungen einzubeziehen. Auch wenn man nicht an Gott glaube, zeigten diese Vorstellungen zumindest, welche Konsequenzen sich ergäben, wenn der Mensch Schöpfer spielen würde: Wer eines anderen Erbgut bestimme, mache diesen von sich abhängig, weil der Betroffene keine Chance habe, um sein Einverständnis gefragt zu werden. Habermas gab zu bedenken, dass der genmanipulierende Mensch damit "jene gleichen Freiheiten" zerstöre, "die unter Ebenbürtigen bestehen". Die Wissenschaft selbst könne in dieser moralischen Frage keine Handlungsanweisung geben, sagte der Philosoph. Nur die Religion habe moralischen Empfindungen bislang "differenzierten Ausdruck" verliehen. Um aber in der modernen Gesellschaft gehört zu werden, müssten diese Ausdrücke "übersetzt" werden. Die nicht-religiöse Mehrheit dürfe in Fragen wie der Gentechnik keine Beschlüsse gegen die Glaubensüberzeugungen von Menschen "durchdrücken". Deren Einspruch müsse als "eine Art aufschiebendes Veto" gelten. Habermas, der 52. Träger des renommierten Preises, erhielt die mit 25.000 Mark dotierte Auszeichnung als Anerkennung seiner weltweit geschätzten Gesellschaftstheorien. Er ist laut Jury ein Zeitgenosse, der den Weg der Bundesrepublik "ebenso kritisch wie engagiert begleitete, der mehr als einer Generation die Stichworte zur geistigen Situation der Zeit vermittelte und der von einer weltweiten Leserschaft als der prägende deutsche Philosoph der Epoche wahr genommen wird". Reemtsma, Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, sagte, Ende der 50er Jahre habe Habermas entscheidend dazu beigetragen, die angelsächsische Philosophie in Deutschland bekannt zu machen. Habermas' Werke seien eine "komplexe Diagnose der Chancen und Risiken" unserer Zeit. Immer wieder habe Habermas auch in politische Debatten eingegriffen, sagte Reemtsma. Das reiche von der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik bis zum Streit um die Gentechnologie und ihre Folgen für die moderne Gesellschaft. (APA/dpa)