Zum ersten Mal hat George W. Bush hochoffiziell einen Hinweis darauf gegeben, dass sich die militärische Aufmerksamkeit der USA nach Afghanistan auch noch auf den Irak richten könnte. Der US-Präsident hat damit sicher auch die starke Lobby in Washington bedient, die, mit dem oppositionellen irakischen Nationalkongress im Schlepptau, fast seit der ersten Stunde nach den Anschlägen am 11. September Druck macht, den Hintermann zum Terror in Bagdad zu suchen. Aber Bushs Statement fiel zu stark aus, um als rein rhetorisch gelten zu können: Erstmals forderte er Saddam Hussein wieder auf, Waffeninspektoren ins Land zu lassen - und zwar mit einem Verweis auf die von Saddam eingegangenen Verpflichtungen nach dem (von Bush Vater gewonnenen) Golfkrieg 1991. Man muss daran erinnern, dass die Forderung nach Fortsetzung der von der UNO kontrollierten und 1998 aufgegebenen Abrüstung nicht einmal erhoben wurde, als die damals neue US-Regierung im Frühjahr dem Irak ein neues Sanktionsregime verordnen wollte. Es ist dies ein Verlangen, das Saddam nie und nimmer erfüllen wird, und Bush weiß das. Noch fehlt die Ansage, was die Konsequenzen bei Nichterfüllung sein könnten. Das Leiden der Iraker unter dem UNO-Embargo ist Nährboden für arabische und muslimische Ressentiments, wobei es mehr oder weniger zwei Varianten gibt: In der einen ist Saddam ein von Washington hereingelegter Held, in der zweiten quasi ein Agent der USA, der in deren Auftrag agiert, um den US-Truppen das Verbleiben in der Region zu sichern. Nun können Washington und die UNO das Problem nicht einfach lösen, indem sie sich zurückziehen und die Sanktionen aufheben: Dazu ist Saddam zu gefährlich. Ihn zu stürzen - was wohl die Zerschlagung des gordischen Knoten wäre - ist aber im Moment mindestens ebenso gefährlich: Dann könnte die Stimmung auf den Straßen der islamischen Welt endgültig kippen. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 15. Oktober 2001)