Es ist der 15. Oktober 1951. Auf Geheiß des jungen Laborleiters Carl Djerassi führt der mexikanische Chemiestudent Luis Miramontes bei Syntex, einer bis dato völlig unbekannten Chemiefirma in Mexiko-Stadt, eine Synthese durch und trägt in das Laborbuch ein: "1,0 g des Enolethers von 19-Norandrostenedion werden in 25cc wasserfreiem Toluol gelöst und . . ." Dass das Ergebnis dieses Prozesses der entscheidende Durchbruch auf der Jagd nach dem ersten synthetisierten, oralen Verhütungsmittel ist, vermutet zu diesem Zeitpunkt keiner von ihnen. Erst als einige Wochen später die biologische Auswertung der neuen Substanz ergibt, dass es als orales gestagenes Hormon wesentlich aktiver ist als jedes andere zu dieser Zeit bekannte Steroid, knallen in Mexiko die Champagnerkorken - wenngleich noch niemand ahnt, welche gesellschaftspolitischen Veränderungen die Antibabypille auslösen wird, deren Entwicklung durch dieses Norethisteron ermöglicht wird. Zu diesem Zeitpunkt ist Carl Djerassi 28 Jahre alt und seit elf Jahren in Nordamerika, wohin er vor den Nazis aufgrund seiner jüdischen Herkunft fliehen musste. Es ist eine Zeit des Auf- und Umbruchs sowie großer Entdeckungen in der Naturwissenschaft, so auch auf dem Gebiet der organischen Chemie. Besonders in der Steroidforschung sind Wettrennen zugange, von denen Carl Djerassi zusammen mit George Rosenkranz und anderen Syntex-Kollegen eines mit der Synthese von Cortison gewinnt - nur wenige Monate vor seiner Entdeckung von Norethisteron. Obwohl seither 50 Jahre vergangen sind, hat das Thema Verhütung für Carl Djerassi nichts von seiner Brisanz verloren und der 77-Jährige ist - nicht zuletzt aufgrund seiner glänzenden Rhetorik und schillernden Persönlichkeit - gern gesehener Gast bei Symposien rund um den Globus. Warum lagen in den 50er-Jahren Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Hormone und Empfängnisverhütung? Djerassi: Sie waren die interessantesten Gebiete und gehörten zu den letzten weißen Flecken auf der Landkarte der organischen Chemie. Auch wurden die Ergebnisse - anders als heute - von der Öffentlichkeit und den Medien vorbehaltlos willkommen geheißen, was für mich als ehrgeizigen, jungen Chemiker ein großer Anreiz war. Was halten Sie für den größten Nachteil der Pille? Djerassi: Meiner Meinung nach hat es die Pille den Männern ermöglicht, die Verantwortung für Verhütung - so wie die Verantwortung für Kinder - völlig auf die Frauen abzuwälzen. Sie müssen sich mit diesem Thema nicht mehr auseinander setzen, sondern glauben, es ihren Frauen überlassen zu können. Die Pille ist also nicht das Nonplusultra? Djerassi: Sicher nicht. Was zum Beispiel fehlt, ist ein Präparat, das eine Frau nur am Ende jener Monate nimmt, in denen sie ungeschützten Verkehr hatte und befürchtet, schwanger zu sein. Anstatt 250-mal pro Jahr Hormone zu schlucken - auch wenn sie nur selten Sex hat - nimmt sie dann nur einmal pro Monat so eine "Menses-inducer-pill", um ihre Tage zu bekommen. Ein Prinzip wie "die Pille danach"? Djerassi: Nein, denn "die Pille danach" muss innerhalb von 72 Stunden nach ungeschütztem Verkehr eingenommen werden und eignet sich wegen ihrer relativ hohen Dosis keinesfalls als "Everyday"-Verhütungsmittel. Gibt es eine ideale Verhütungsmethode? Djerassi: Nein, denn die Unterschiede sind von Land zu Land und von Kulturkreis zu Kulturkreis sehr verschieden. Wir brauchen daher einen "contraceptive supermarket", wo sich Frauen und Männer genau das Mittel aussuchen können, das ihr oder ihm zusagt. Und das erfordert noch eine weit größere Vielfalt des Angebotes. Früher habe ich mich dafür interessiert, wie man Sex haben kann, ohne Kinder zu kriegen, heute frage ich, wie man Kinder kriegen kann, ohne Sex zu haben, und ob das überhaupt ethisch vertretbar ist. (Diese Frage betrachtet Carl Djerassi nicht nur aus der Perspektive des Forschers - nach wie vor lehrt er an der Stanford University - sondern auch aus der des Künstlers. Denn 1986 trat das ein, was er selbst als seine dritte Geburt bezeichnet: Nach einer Karriere als Chemiker sowie passiver Kunstsammler und -förderer folgte die Wandlung zum aktiven Künstler - und zwar zum Schriftsteller. Waren es zu Beginn noch Kurzgeschichten, so folgten einige Zeit später Romane, welche die Spezies Wissenschafter zum Thema hatten und "die geheimnisvollen Rituale dieses unzugänglichen Stammes". Seinen Stil definiert er als "science-in-fiction", wobei es gerade dieses "in" ist, das den Unterschied ausmacht. Seine Inhalte, sagt er, müssten akkurat und plausibel sein, damit Literatur zu einem Lernerlebnis auch für denjenigen wird, der sich sonst nicht mit wissenschaftlichen Themen beschäftigt. Soeben erschien von ihm auf Deutsch "This Man's Pill - Sex, die Kunst und Unsterblichkeit" (siehe untenstehender Beitrag). Seit den 90ern wendet er sich mit Erfolg auch dem Theater zu. Die Komödie "Unbefleckt" erlebte 1998 ihre Premiere in Edinburgh, die Uraufführung in deutscher Sprache folgte 1999 in Wien. Sein zweites Stück "Oxygen", das er zusammen mit Roald Hoffmann verfasst hat, kam im Frühjahr in San Diego zur Uraufführung, die deutschsprachige Erstaufführung unter der Regie der Wienerin Isabella Gregor erfolgte am 23. September in Würzburg.) Sie haben sich im Laufe ihres Lebens mehr und mehr der Kunst zugewandt. Sehen Sie sich eigentlich noch als Wissenschafter? Djerassi: Oh ja, aber ich bin ein intellektueller Bigamist, vermutlich sogar ein Polygamist. Sechs Monate jährlich bin ich Professor in Stanford, vier Monate Schriftsteller und die restliche Zeit reise ich und halte Vorträge, die sich hauptsächlich mit wissenschaftlichen Themen beschäftigen, auch wenn ich sie literarisch präsentiere. Ihre Reisen führen Sie auch regelmäßig zurück nach Österreich. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Geburtsland? Djerassi: Jedes Mal, wenn ich in Österreich bin, ist es eine Art bitter-süße Mischung. Mittlerweile überwiegt aber die Süße. Ich habe eine komische "indirekte" Verbindung zu diesem Land. Sicher mit ein Grund, warum ich im Roman "Das Bourbaki Gambit" dem Innsbrucker Physiologen und eigentlichen "Großvater der Pille" Ludwig Haberlandt ein Denkmal gesetzt habe. Ich glaube, auch meine Liebe zur Kunst wurde in Österreich geweckt. Als ich ein Kind war, oder besser noch: rückblickend hatte ich bei Wien stets das Gefühl, in einem Museum zu leben. Das ist die Erklärung, weshalb ich meine Sammlung von Werken Paul Klees nächstes Jahr in der Kunsthalle in Krems ausstellen werde. Die Sammlung ist noch nie komplett gezeigt worden, das wird nächstes Jahr zum ersten Mal der Fall sein. Biographie Carl Djerassis: Geboren am 29. Oktober 1923 in Wien. 1938 Flucht nach Bulgarien. 1939 Emigration nach Amerika. 1945 Abschluss an der University of Wisconsin. 1949 Beginn seiner Tätigkeit bei Syntex S.A., Mexiko-Stadt. 15. 10. 1951 Synthese von Norethisteron. 1959 Beginn seiner Lehrtätigkeit an der Stanford University. 1968-1983 Gründungsmitglied und Vorstands- vorsitzender von Zoecon Corporation. 1973 Verleihung der National Medal of Science. 1978 Verleihung des ersten Wolf Prize of Chemistry. 1978 Aufnahme in die National Inventors Hall of Fame. 1979 Gründung des Djerassi Resident Artist Program*. 1991 Verleihung der National Medal of Technology. 1999 Verleihung des österr. Bundesverdienstkreuzes für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse. 2001 Verleihung des Preises für Schriftsteller der Gesellschaft deutscher Chemiker. *Mit dem Djerassi Resident Artist Program wurden bereits mehr als 1000 Künstler aus den Bereichen bildende Kunst, Literatur, Choreographie, darstellende Kunst und Musik durch Stipendien in Form von Aufenthaltsmöglichkeit in seiner Künstlerkolonie in Kalifornien unterstützt. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 13. / 14. 10. 2001)