Sichtbarer Beleg ihres technologischen Könnens und zugleich, über die symbolischen Motive, ihrer Erwartungen und ihrer Vorstellung vom Leben, lässt sich ein bakhnûg als Buch ansehen, dem die illiterate Weberin all das anvertraute, was in ihren Augen bedeutsam schien. Aus dem von der Gemeinschaft sanktionierten Repertoire wählte sie jene ikonographischen Elemente heraus, um, ihren Fähigkeiten und Vorlieben entsprechend, "spontan" oder sich auf Details verlegend, in einer hermetischen, in sich geschlossenen Sprache, ihrer Vision vom Gewebe der Dinge im Kosmos Ausdruck zu verleihen. bakhnûg Der bakhnûg ist ein rechteckiges, etwa 200 x 100 cm großes, aus Wolle hergestelltes Kopf- und Schultertuch der Mädchen und Frauen von "nüchternem Dekor" (zwei bis drei schmale Linien am Rand, eine kleine individuelle Stickerei an einer Ecke, ein Fisch, ein Stern, ein Strich) oder mit ganzflächig eingewebten linearen und geometrischen Motiven (gerade, diagonale oder Zickzack-Linien, Punkte, Winkel, Dreiecke und Rhomben - unendlich miteinander kombinierbar). Neben der Verhüllung vor fremden Blicken diente der bakhnûg im Winter oder in kalten Nächten zum Schutz. Im bäuerlich-nomadischen Milieu der Berber Zentral- und Südtunesiens entwickelte jede Region, jede Abstammungsgemeinschaft, jedes Dorf sein eigenes ethnisches und magisch-religiöses Musterrepertoire, welches über die Generationen weitervererbt wurde. Bild: Kopf- und Schultertuch, bakhnûg, Tunesien, Region Djebel Orbata Die Anfertigung eines bakhnûg erfolgte in Heimarbeit für den persönlichen Gebrauch und konnte sich zwei bis drei Jahre hinziehen: Kardieren der Wolle, Spinnen, Aufstellen des vertikalen Griff-Webstuhls, Weben sowie das von keinerlei Farbnuancierung geleitete Integrieren der Muster mit einem weißem Baumwollzwirn auf weißem Schafwollgrund: all dies wurde von ein und derselben Frau besorgt. Einmal fertig wurde der bakhnûg weiß (für ein junges Mädchen) belassen oder karminrot (für eine Braut oder jungverheiratete Frauen), indigo oder schwarz (für ältere Frauen) eingefärbt, wobei lediglich die Schafwolle die Farbe aufnahm und sich die filigranen Baumwollmotive klar und deutlich vom eingefärbten Grund abhoben. Bild: Kopf- und Schultertuch, bakhnûg, Tunesien, Küstenregion
******
Samstag, 10. November 2001 Führung und Vorträge zur Ausstellung in Zusammenarbeit mit der TKF (Textil-Kunst-Freunde) Museum für Völkerkunde, Kinosaal Führung durch die Ausstellung Dr. Axel Steinmann, Museum für Völkerkunde Wien 13:00 Uhr Das Geordnete und das Spontane. Zur Ikonographie der Berber-Frauen Südtunesiens Dr. Axel Steinmann, Museum für Völkerkunde Wien 14:00 Uhr Textilien und textiles Handwerk SüdTunesiens im kulturellen und historischen Kontext Silvia Dolz, Staatliches Museum für Völkerkunde, Dresden 15:00 Uhr Bakhnûg & Co. Tücher der tunesischen Frauen Renate Menzel, Wien 16:00 Uhr