Wien - Mit Erika Mitterer ist am Sonntag im Alter von 95 Jahren in Wien gestorben ist. Mit ihr ist eine wichtige Stimme der deutschsprachigen Literatur und des politisch-gesellschaftlichen Gewissens Österreichs verstummt. Die Dichterin galt als "Unbestechliche" - Zeit ihres Lebens unvereinnahmt von literarischen und politischen Strömungen, engagiert im "inneren Widerstand" gegen den Nationalsozialismus und später für die Vergangenheitsaufarbeitung in der Nachkriegszeit. Die Tochter eines Architekten und einer aus Norddeutschland stammenden Malerin wurde am 30. März 1906 in Wien-Hietzing geboren. Nach dem Lyzeum besuchte sie von 1923 bis 1925 Kurse für "Volkspflege", arbeitete bis 1928 als Fürsorgerin und 1929/30 als Sekretärin des Kulturbundes in Wien. Schon als 18-Jährige hatte sie einen - 1950 veröffentlichten - Briefwechsel in Gedichten mit Rainer Maria Rilke begonnen, dessen Einfluss in ihrem ersten Gedichtband "Dank des Lebens" (1930) - er wurde mit dem Julius-Reich-Preis der Universität Wien ausgezeichnet - spürbar ist. Stefan Zweig, der sie bereits in diesen Jahren als "große Dichterin" bezeichnete, förderte nicht nur die Publikation des ersten Gedichtbandes, sondern auch Kontakte mit anderen bedeutenden Schriftstellern. Nach dem Tod der Mutter 1930 führte Mitterer ihrem Vater den Haushalt und widmete sich ganz dem Schreiben. Werke Der Durchbruch als Romanautorin gelang Mitterer mit dem während der Inquisition spielenden und sogar in der Nazizeit erschienenen Roman "Der Fürst der Welt" (1940) - die Auseinandersetzung mit der Theologie von Thomas von Aquin ist zugleich eine Parabel auf den Nationalsozialismus und gilt als (nicht umumstrittenes) Paradebeispiel für die Literatur der "Inneren Emigration". Fast 40 Jahre später ließ die Autorin mit einem großen zeitgeschichtlichen Werk noch einmal aufhorchen. Der heuer in einer Neuauflage erschienene Roman "Alle unsere Spiele" (1977) versucht die Kriegsjahre und das Mitläufertum aus der Psychologie des Menschen und der damaligen Lebensbedingungen zu erklären. Dazwischen erschienen unter anderem "Wir sind allein. Ein Roman zwischen zwei Welten" (1945), "Die nackte Wahrheit" (1951), "Wasser des Lebens" (1953) und die Jugendbücher "Kleine Damengröße. Ein Roman im Schatten der Größe" (1953) und "Tauschzentrale" (1958). Weitere lyrische Werke Mitterers sind "Dank des Lebens" (1930), "Gesang der Wandernden" (1935), "Klopfsignale" (1970), "Entsühnung des Kain" (1974) und "Das verhüllte Kreuz" (1985). Von ihren Theatertexten wurde nur das Symbolstück "Verdunkelung" (1958 im Theater der Courage) aufgeführt. Nach ihrem Übertritt von der evangelischen zur katholischen Kirche setzte Mitterer sich auch vehement für religiöse und gesellschaftspolitische Anliegen ein und trat in ihren letzten Schaffensjahren vorwiegend mit christlicher, kritischer Lyrik in Erscheinung. Ehren Von der Kritik wurden insbesondere Mitterers psychologisches Einfühlungsvermögen, ihr subtiler Umgang mit der Sprache und die Detailgenauigkeit bei der Schilderung historischer und gesellschaftlicher Zustände hervorgehoben. Mitterer war Mitglied der "Kurie für Kunst" des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst und Trägerin höchster Auszeichnungen des Bundes (z.B. des Großen Goldenen Ehrenzeichens mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich) und der Länder Wien (z.B. Preis der Stadt Wien für Dichtkunst) und Niederösterreich (Würdigungspreis des Landes Niederösterreich). Im vergangenen September war der Autorin in Wien ein literaturwissenschaftliches Symposium gewidmet. Anlässlich ihres 95. Geburtstags erschien die Neuausgabe ihres lyrischen Gesamtwerks, herausgegeben unter anderem von Martin G. Petrowsky, Mitterers Sohn aus der Ehe mit dem Journalisten und Archivar Fritz Petrowsky. In der Edition Doppelpunkt wird die Neuauflage weiterer Werke Mitterers vorbereitet. (APA)