Mit einer scharfen Warnung wandte sich CDU-Chefin Angela Merkel am Montag an die Schwesterpartei CSU, aus der am Wochenende die Forderung erhoben worden war, Merkel solle auf die Kanzlerkandidatur verzichten. "Ich werde es nicht zulassen, dass das Gewicht der CDU aus der Statik ins Wanken kommt. Wir sind eine große Volkspartei, und dieses Gewicht werden wir in vollem Umfang einbringen", sagte Merkel. Dies wurde als Kampfansage an die CSU gewertet.Sich an Beschlüsse halten

Die CDU-Chefin rügte auch Parteifreunde, die Merkel dazu bringen wollen, dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber den Vorzug einzuräumen. Sie wandte sich an jene Bundestagsabgeordneten, die den Zeitplan für die Kandidatenkür infrage stellen; dieser sieht eine Nominierung im Frühjahr 2002 - ein halbes Jahr vor dem Wahltermin - vor: "Ich erwarte von jedem, auch von den Bundestagsabgeordneten, dass man sich an Beschlüsse hält. Alles andere schadet der Partei." Unterstützung bekam Merkel lediglich von Parteifreunden aus den Ländern.

"Mentalität eines Kamikazefliegers"

Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan, die eine von Merkels Stellvertreterinnen als Parteivorsitzende ist, bezeichnete das Drängen auf einen Kandidaturverzicht Merkels als "parteischädigend". Der Landeschef von Rheinland-Pfalz, Christoph Böhr, bemühte sich um einen aktuellen Vergleich: "Wer an Merkel herummäkelt, hat die Mentalität eines Kamikazefliegers." Auch Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel warnte vor einer Abkehr vom Zeitplan.

Ungeachtet der Appelle bekräftigten Politiker von CDU und CSU in der deutschen Hauptstadt, dass Merkel zumindest überlegen sollte, ob sie mit einem Verzicht nicht sich und ihrer Partei einen Dienst erweise. Bundespolitiker, die nicht namentlich genannt werden wollten, äußerten die Ansicht, dass sich eine solche Erklärung Merkels sogar positiv auf die Chancen der CDU bei den Berliner Landtagswahlen am kommenden Sonntag auswirken könnte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 16.10.2001)