Das kleine Büro der "Befreiungsfront Jammu Kaschmir" im ersten Stock eines Hauses an der Verbindungsstraße zwischen Rawalpindi und Islamabad ist nur ein Anhängsel der Privatwohnung von Amanullah Khan, dem Vorsitzenden der Befreiungsfront. Vom Dach des Gebäudes weht die weiß-grün-rote Fahne von Kaschmir, einem besetzten und geteilten Land, das um seine Unabhängigkeit kämpft.

"Weißt du", sagt Khan, "wenn dein eigenes Haus in Flammen steht, hast du keine Zeit, dich um das brennende Haus des Nachbarn zu kümmern." Damit meint Khan die gegenwärtige Situation in Afghanistan. "Wir sind in einer sehr schwierigen Situation gefangen, zerrissen zwischen Indien und Pakistan", sagt Khan. "Eigentlich hat auch China Teile von Kaschmir okkupiert. Aber damit beschäftigen wir uns später."

Der Kaschmir-Konflikt ist - zurzeit findet Colin Powells hochsensibler Besuch in Indien statt - mitten in die Militäroperationen in Afghanistan geplatzt. Der Krieg gegen den Terrorismus hat Indien und Pakistan an die Seite der USA gezwungen. Aber es war nicht leicht, die mehr als 50 Jahre währenden Rivalitäten zwischen den beiden Staaten zu überwinden. Gerade die Kaschmir-Frage hat die beiden Länder ja vor zwei Jahren an den Rand eines Atomkrieges gebracht. Ausgerechnet bei Powells Ankunft in Islamabad stand die Grenze wieder in Flammen - die indische Armee hat völlig überraschend pakistanische Stellungen an der Grenze angegriffen. Dutzende Zivilisten wurden getötet oder verwundet. Neu-Delhi hat offiziell verkündet, dass es kein Interesse an einer Vermittlung der USA hat.


Rekrutierungsgrund

Der Kampf um das mehrheitlich von Muslimen bewohnte Kaschmir wurde in den letzten Jahren zum wichtigsten Vorwand für die Rekrutierungen radikaler Islamisten in Pakistan, welche die indische Besetzung von Kaschmir als Beweis für die weltweiten Leiden der Muslime sahen. Zwei radikale Gruppen, die jetzt auf der US-Liste terroristischer Organisationen stehen, haben den Heiligen Krieg zur Befreiung Kaschmirs ausgerufen. "Die einzige Lösung für diesen Konflikt ist die Wiedervereinigung aller Teile von Jammu Kaschmir zu einem einzigen und unabhängigen Staat", sagt Amanullah Khan. "Dieser Staat müsste freundschaftliche Beziehungen zu Indien und Pakistan pflegen und eine demokratische, säkulare Regierungsform haben."

Dass die radikalen islamischen Gruppen Verbindungen zu Osama Bin Ladens al-Qa'ida haben sollen, bestreitet er: "Wir haben mit Bin Laden nichts zu tun. Aber das hält mich nicht davon ab, Ungerechtigkeiten aufzuzeigen, wenn ich sie sehe. Und das, was der afghanischen Zivilbevölkerung passiert, ist eine."

Wir bitten unsere Leserinnen und Leser zu beachten, dass wesentliche Informationen über die aktuellen militärischen Aktionen einer Zensur unterliegen. Eine unabhängige Überprüfung solcher Angaben ist der Redaktion in vielen Fällen nicht möglich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 17.10.2001)