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MODERATORIN einen schönen nachmittag! von mir aus können wir uns jetzt gerne über das thema frauen und i-tech unterhalten.
Hanappi-Egger i-tech women ist der name einer konferenz, die am 22. und 23. oktober im wiener rathaus stattfinden wird. ich bin mitglied des programmkommittees. das ist jenes kommittee, das den inhalt und insbesondere die vortragenden für diese konferenz diskutiert und bestimmt hat.
Ventilator Was ist ihrer meinung nach der grund, dass so wenige frauen in der it-branche arbeiten?
Hanappi-Egger studien zeigen, daß mädchen und frauen ein bild von der it-branche haben, das nicht mit ihren vorstellungen von arbeit und leben zusammenpaßt. also z.b. glauben viele frauen, daß jobs in der it-branche schnelllebig, unsozial, unkommunikativ und jedenfalls 60 stunden-jobs sind. sehr oft wird it-branche auch gleichgesetzt mit programmieren, wiederum einer tätigkeit, die sehr alleine des nächtens gemacht werden muß. frauen und mädchen werden aber sehr oft eher auf rollen vorbereitet, in denen vor allem soziale interaktionen, kommunikation und kooperation im vordergrund stehen.
cosima179 Sind Sie der Meinung, dass die Unterrepräsendanz der Frauen in dieser Branche etwas mit der sehr maskulinen IT-Sprache zu tun hat? (Man braucht sich ja nur hier diese Benutzeroberfläche anschauen. Da ist von Moderatoren und Freunden ... die Rede, gerade so, als ob das I (FreundInnen) noch gar nicht erfunden wäre
Hanappi-Egger ja tatsächlich ist es so, daß sprache ein wichtiges instrument ist. so hat sich z.b. gezeigt, daß stellenbeschreibungen gar nicht geschlechtsneutral sind, daher oft netzwerktechniker und sekretärinnen gesucht werden. das macht das für das jeweils andere geschlecht natürlich sehr schwer, sich mit einem solchen job zu identifizieren, aber die sprache ist jedenfalls ein erster schritt an dem gearbeitet wird. dh. also daß sich schon immer mehr bemühen geschlechtsneutral zu formulieren.
_nike_ das problem scheint mir eher, daß frauen schon gar nicht genommen werden für it-jobs, obwohl man ja da von ne-economy spricht und man meinen könnte, daß geschlechtsspezifische vorurteile ausgeräumt sind
Hanappi-Egger dem ist nicht ganz so. eine umfrage der industriellenvereinigung oberösterreich zeigt, daß nur etwas über 50% der betriebe tatsächlich glauben, durch frauen den it-fachkräftemangel beheben zu können. der rest glaubt offensichtlich nicht daran, daß die beschäftigung von frauen etwas bringt.
dieStandard.at UserInnenfrage per Mail: Inwieweit ist der Ruf nach mehr Frauen in Technikberufe auf einen Mangel an IT-Kräften zurückzuführen und daher als kritisch zu betrachten - Frauen seien wieder einmal die Lückenbüßerinnen?
Hanappi-Egger ja das ist ganz sicher mit vorbehalt zu betrachten. tatsächlich fällt jetzt im zuge des fachkraftmangels erst auf, daß es ja viele frauen gibt, die da einspringen könnten. in diesem zusammenhang bietet es zwar einerseits eine chance für frauen interessanten tätigkeiten nachzugehen, andererseits kommt es aber auch zu berechtigter skepsis, ob frauen hier nicht als reserveteam gesehen werden. dazu ist vielleicht auch noch zu sagen, daß es natürlich sehr unterschiedlichen jobs in der it-branche gibt nicht alle sind hochqualifizierte, hochgeistige, spannende tätigkeiten, vieles ist auch niedrig qualifiziert und daher mit großer jobunsicherheit belastet (call-centers). es ist eine gewisse vorsicht geboten, daß es da nicht wieder zu einer geschlechtspezifischen teilung kommt.
kalind wie würde sich die technik ändern, wenn mehr frauen in dieser branch arbeiten?
Hanappi-Egger es würden ganz sicher andere und neue facetten in die technikgestaltung einfließen. also zb. die sozialen und kommunikativen aspekte, aber auch die frage nach möglichen folgen vom einsatz von technik.
dieStandard.at Userinnenfrage per Mail: seit mehr frauen in der itbranche mitentwickeln (wenn das so ist..) , bemerken sie persönlich eine "feminisierung" von berufszweigen, die sich darin ausdrückt, dass gehälter dann niedriger gehalten und hierarchien zugunsten der männer neu geordnet werden?
Hanappi-Egger arbeitsmarktpolitisch bedeutet mangel an fachkräften natürlich auch immer hohes lohnniveau für entsprechend qualifizierte personen. wenn also mehr frauen in die it-branche drängen, gibt es ein größeres angebot an facharbeitskräften. es besteht also kein anlaß auf hohes lohnniveau. das einmal generell zur arbeitsmarktpolitischen dynamiken. es ist bekannt, daß frauen für dieselbe tätigkeit wesentlich weniger verdienen als männer und das wird in der it-branche nicht anders sein.
Wahrheit2001 dass durch Frauen "soziale und kommunikative Aspekte" reinkommen: gender und/oder sex (biolog. vs soziolog. Geschlecht)?
Hanappi-Egger ich gehe nicht davon aus, daß frauen und männer aufgrund ihres biologischen geschlechts bestimmte fähigkeiten entwickeln bzw. nicht entwickeln. sozialisationstheoretisch gibt es aber den ansatz, daß eben frauen und männer geschlechtspezifisch auch verschiedene rollen in der gesellschaft vorbereitet werden. daher werden tendenziell mehr frauen auf soziale rollen vorbereitet und männer auf erwerbstätigkeiten. dh. aber nicht, daß es auch in beiden fällen jeweilige ausnahmen gibt.
Ventilator Muss frau nicht Sorge haben ob des Naheverhältnisses Homeworking und IT? ( Wer zu Hause arbeitet, kann ja auch gleich den Haushalt machen und Kinder kriegen, so nebenbei...)
Hanappi-Egger tatsächlich ist das thema telearbeit umstritten: zum einen zeigen studien zb. aus frankreich, daß frauen ihren job als sehr wichtige zusätzliche sozialsphäre sehen, die sie von der privatsphäre getrennt haben wollen. andererseits hat sich das versprechen, daß telearbeit die vereinbarung von familie und job auch für männer ermöglicht, nicht so einfach bewahrheitet. männer, die telearbeiten sind oft im mittleren management angesiedelt und machen kreative und planerische arbeiten zuhause. die familien beginnen sich dann sehr oft an den telearbeitszeiten des mannes zu organisieren (zu telearbeitszeiten darf papa nicht gestört werden). für frauen bedeutet telearbeit sehr oft eine überbelastung in der bewältigung des jobs, des haushalts und der kinderbetreuung an einem ort.
dieStandard.at Userinnenfrage per Mail: machen sich weibliche spuren in der technik sichtbar? denken sie, dass frauen anders an technikentwicklung arbeiten, oder sind "nur" die verwendungszwecke andere?
Hanappi-Egger aus den usa kommt das sogenannte diversity-konzept, dh., daß jede kulturell bedingte gruppe spezifische aspekte in arbeit und arbeitsgestaltung einbringt. umgelegt auf it und frauen würde das bedeuten, daß - da sie offensichtlich stärker auf sozialstrukturen vorbereitet werden, auch andere aspekte in die technikentwicklung einfließen. zb. wird die rolle des users oft höher bewertet, technikentwicklerinnen ist es daher oft wichtiger partizipative systemgestaltungen zu realisieren.
cosima179 Was können Ihrer Meinung nach Frauen tun, um daran zu arbeiten, als IT-Workerinnen von ihren männlichen Kollegen gleichwertig akzeptiert zu werden?
cosima179 nachsatz: ohne dabei ihre weibliche identität aufgeben zu müssen
Hanappi-Egger tja - schwierige frage. tatsache ist, daß wir von vielen frauen wissen, den streß zu haben wesentlich mehr leisten zu müssen als kollegen um als gleich qualifiziert zu gelten. ich denke diesen streß können wir uns sparen. oft genügt es, ein bißchen mehr selbstvertrauen zu haben und die tatsächlichen fähigkeiten der kollegen zu hinterfragen.
dieStandard.at Userinnenfrage per Mail: welche versuche ausserhalb von konferenezen, an denen fachfrauen teilnehmen, gibt es, frauen weg vom anwenderinnentum mehr fürs gestaltende in der technik zu mobilisieren?
Hanappi-Egger es gibt eine reihe von sehr schönen initiativen mädchen und frauen die technik näher zu bringen. zb. das sprungbrett organisiert immer wieder für mädchen informationstage wie zb. auch am 13.11. in der österreichischen computergesellschaft. FIT "frauen in technik" ist eine maßnahme, bei der frauen eingeladen werden, technische universitäten zu besuchen. es gibt eine menge kurse von frauen für frauen beim ams und vieles mehr.
kalind glauben sie, dass ein gemeinsamer unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern Mädchen benachteiligt?
Hanappi-Egger die diskussion um die koedukation ist gerade im zusammenhang mit frauen und it wieder entflammt. auch hier zeigen viele studien, daß in gemischtgeschlechtlichem unterricht mädchen benachteiligt werden hinsichtlich der motivation für technik. ein hoher anteil von frauen an technischen und naturwissenschaftlichen ausbildungen kommen tatsächlich sehr oft aus mädchenschulen. kurse von frauen für frauen erfreuen sich zunehmender bedeutung, weil viele frauen das gefühl haben sich so streßfreier der technik widmen zu können. andererseits schreckt es viele frauen ab, weil es den anschein von nachhilfestunden hat. ich denke aber, daß die konzepte der koedukation zumindest für diese bereiche zu überdenken sind. derzeit haben wir ein technisches problem - es kann (hoffentlich) gleich weitergehen. :-) an der behebung der störung wird - von frauen - gearbeit :-))
Wahrheit2001 Nachsatz: der Grund ist, dass das Umfeld Familie, FreundInnen bestimmend ist - welche Möglichkeiten sehen Sie da?
Hanappi-Egger tatsächlich geht es um eine sensibilisierung der familien und freundInnen. es zeigt sich, daß für viele frauen, die sehr wohl in technikbereichen arbeiten das rollenbild, das sie in der näheren umgebung vermittelt bekommen, sehr wichtig ist. sehr oft gibt es mütter und freundinnen, aber auch väter und freunde in nicht traditionellen rollen, die das interesse für technik auf sehr selbstverständliche weise entstehen lassen. in diesem sinne sollten gerade eltern und bekannte stärker hinterfragen, welche rollenstereotypisierung sie vermitteln. oft sind eltern zwar der meinung, daß sie söhne und töchter gleich behandeln, söhne bekommen dann aber doch eher einen computer als mädchen bzw. müssen sie mehr argumentieren, warum sie einen solchen brauchen.
dieStandard.at Userinnenfrage per Mail: die technik ist frauenfeindlich, nicht die frauen technikfeindlich heißt es oft - umgekehrt hört mans noch öfter. wie sehen sie das?
Hanappi-Egger in der diskussion um technikdistanz bzw. technikfeindlichkeit von frauen wird oft vieles in einen topf geworfen: natürlich sind frauen anwenderinnen vieler, vieler technischer systeme zb. im haushalt, da kann also keinesfalls von technikfeindlichkeit die rede sein. wenn es darum geht, daß viele frauen sich doch nicht für einen technischen beruf entscheiden, muß ebenfalls auseinandergehalten werden, wem "die schuld" dafür gegeben wird. der sogenannte differenzorientierte ansatz geht davon aus, daß das problem die frauen haben und die daher auch das problem zu lösen haben. der sogenannte differenzorientierte ansatz geht davon aus, daß in der technik ganz bestimmte werte betont werden, und andere vernachläßigt werden und daher für frauen unattraktiv ist. im sinne der zukünfigen problemlösungen wird es meines erachtens stärker darum gehen, unterschiedlichste aspekte und fähigkeiten in die technikentwicklung einfließen zu lassen.
dieStandard.at Userinnenfrage per Mail: Worin sehen Sie die Differenzen zwischen Frauen- bzw. feministischer Forschung und Geschlechterforschung?
Hanappi-Egger frauenforschung hat zum gegenstand, welche rollen frauen in der gesellschaft einnehmen, welche konsequenzen dies hat und wie bestimmte gesellschaftliche verhältnisse gestaltet werden können um frauenspezifischen werten stärker zum durchbruch zu verhelfen. geschlechterforschung hat sich in verstärktem maße als thema gestellt, welche rolle geschlecht an sich in der gesellschaft spielt, inwieweit soziale chancen durch geschlecht bestimmt werden und ob die geschlechtskategorie letztlich aufgehoben werden soll.
Wahrheit2001 Was ist Sinn und Ziel der Konferenz ITech Women?
Hanappi-Egger die konferenz widmet sich dem thema frauen und it. dabei geht es zum einen um die frage, wie sich die ausbildungsmöglichkeiten von frauen im it-bereich darstellen, welche neuen chancen und herausforderungen für frauen in der it-berufswelt sich ergeben, aber auch darum wie frauen inhalte und system der neuen technologien entwickeln und gestalten können und wie frauen neue technologien für die gestaltung neuer prozesse nützen können. die konferenz wird also einen wichtigen beitrag zum öffentlichen diskurs frauen und it leisten und wendet sich an frauen und männer gleichermaßen, wenngleich die vortragenden nur frauen sind.
Wahrheit2001 Welche Chance sehen Sie in derartigen Konferenzen?
Hanappi-Egger in der förderung des öffentlichen bewußtseins, in der darstellung der vielfältigkeit des themas und in der möglichkeit über dieses thema erfahrungen und wissen auszutauschen und in politische handlungsfähigkeit umzusetzen.
dieStandard.at Wir danken Fr. Hanappi-Egger fürs Kommen! ITech Women: www.itech-women.at
Hanappi-Egger ich hoffe, möglichst viele im rathaus face to face zu sehen, um diese spannende diskussion weiterzuführen!