Straßburg - In Frankreich ist erstmals in der Nachkriegsgeschichte ein Abgeordneter der Pariser Nationalversammlung wegen eines Verbrechens verurteilt worden. Das Schwurgericht in Straßburg erkannte den aus dem Elsass stammenden 51-jährigen Marc Dumoulin am späten Mittwochabend für schuldig, seine damals minderjährige Nichte sexuell mißbraucht zu haben. Dafür wurde der Politiker zu fünf Jahren Haft verurteilt. Zwei Jahre davon wurden zur Bewährung ausgesetzt. Aufgrund der französischen Gesetze bleibt er jedoch auf freiem Fuß, bis die Nationalversammlung seiner Inhaftierung zustimmt. Zudem wurden Dumoulin für fünf Jahre seine bürgerlichen Rechte aberkannt. Seine Anwälte kündigten Berufung an. Klage kam nach Wahl in Nationalversammlung Die inzwischen 29-jährige Nichte hatte ihren Onkel vor vier Jahren angezeigt, nachdem er überraschend für die neogaullistische RPR-Partei von Präsident Jacques Chirac in die Nationalversammlung gewählt worden war. Vor Gericht sagte die junge Frau aus, der Onkel habe sie im Alter von zwölf Jahren wiederholt vergewaltigt und sexuell missbraucht. Sie habe dies bereits 1989 in Briefen an ihre Eltern angedeutet. Zu der Klage habe sie sich erst nach der Wahl ihres Onkels entschlossen, weil sie dies als "schockierend" empfunden habe. Psychologische Gutachten stützten diese Aussage. Dumoulin bestitt die Vergewaltigungen, räumte jedoch ein, er habe seine Nichte und auch den eigenen Sohn möglicherweise mit "zweideutigem Verhalten" schockiert. Er gab zu, die Geschlechtsteile des Mädchens und seines damals jugendlichen Sohns berührt zu haben. Zum Auftakt des Prozesses hatte er berichtet, er sei selbst als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen Onkel gewesen. Der Politiker hatte zunächst mit allen juristischen Möglichkeiten versucht, die Anklageerhebung abzuwenden. Im Mai wies der Kassationsgerichtshof, die oberste Instanz, seinen Revisionsantrag zurück und machte damit den Weg für das Verfahren frei. (APA)