Israels Tourismusminister Rechavam Seevi wurde gestern, Donnerstag, in Jerusalem mit allen militärischen Ehren begraben. Die Ermordung des rechtsgerichteten Politikers hat den Waffenstillstands-plan, dessen Umsetzung soeben zaghaft zu greifen begann, völlig zunichte gemacht. In der Nacht auf Donnerstag stellte Israels Sicherheitskabinett Palästinenserchef Yassir Arafat ein scharf formuliertes Ultimatum, vier Stunden später liefen aber schon erste militärische Sanktionen an. Panzer rückten in Außenbezirke von Ramallah und Jenin vor, es kam zu sporadischen Feuergefechten.

In Jenin wurde eine Schule von einer Panzergranate getroffen, ein zehnjähriges Mädchen wurde getötet und einige Kinder verletzt, in Ramallah wurden zwei palästinensische Polizisten getötet. Die Israelis machten kein Hehl daraus, dass die Truppen lange Zeit in den neuen Positionen bleiben sollen. Ziel der Operation sei es, die Abriegelung der Autonomiestädte zu verdichten, um die Bewegung von Terroristen zu verhindern.

Der Erklärung des Sicherheitskabinetts schien zu signalisieren, dass Israel einer offenen Konfrontation mit Arafat nicht mehr ausweichen will. Arafat habe "Israel und die Welt immer wieder getäuscht", er sei ein Schutzpatron des Terrors "genau wie das Taliban-Regime in Afghanistan". Er wurde aufgefordert, Seevis Mörder "sofort auszuliefern" und "alle Terrororganisationen" zu verbieten, andernfalls werde Israel die Autonomiebehörde "als ein den Terror förderndes Regime betrachten und entsprechend gegen sie vorgehen". Speziell genannt wurde die "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP) - gegen die radikale Gruppe innerhalb der PLO, die sich zu dem Attentat auf Seevi bekannt hat, will Israel nun einen "Vernichtungskrieg" führen.

In Israel hieß es, die Namen der Mörder seien bekannt und würden der Autonomiebehörde übermittelt werden, allen Beteiligten ist aber klar, dass die Bedingung unerfüllbar ist und Arafat keinesfalls Palästinenser einem israelischen Gericht ausliefern kann. "Israel muss verstehen, dass wir keine Befehle entgegennehmen", sagte Achmed Abdel Rahman, der palästinensische Kabinettsekretär. Wie energisch Arafat nach den Mördern fahnden lässt, war nicht zu durchschauen. PFLP-Chef Achmed Saadat soll untergetaucht sein, der Sprecher der Organisation wurde verhört, aber gleich wieder freigelassen, aus Gaza wurde die Festnahme von drei PFLP-Funktionären gemeldet, die aber bloß Mitglieder des Politbüros und nicht direkt mit den Terrorzellen verbunden sein sollen.

Arafats Berater Nabil Abu Rudeina sagte im palästinensischen Rundfunk: "Wir haben Informationen über einen Plan der israelischen Regierung, Arafat und andere Repräsentanten der PNA zu töten." Ziel Israels sei es, die Autonomiebehörde und den Friedensprozess zu zerstören sowie die internationale Allianz gegen den Terror zu untergraben.

Die ägyptische Regierung hat Sharon davor gewarnt, den Mordanschlag auf Seevi als Vorwand für eine weitere Eskalation der Gewalt in den Palästinensergebieten zu benutzen. Sharon habe stets nach Ausreden gesucht, um Verhandlungen mit den Pa- lästinensern aus dem Weg zu gehen, erklärte der ägyptische Außenminister Ahmed Maher. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 19.10.2001)