Brüssel/Genf - Nach den US-Luftangriffen auf Afghanistan sind nach Angaben der Vereinten Nationen bisher rund 60.000 Afghanen nach Pakistan geflohen. Die panikartige Flucht ohne Lebensmittel und persönliche Dinge habe zu einem Chaos an der Grenze geführt, sagte der Sprecher des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR), Ron Redmond, am Freitag in Genf. Vertreter von UN0-Hilfsorganisationen haben zugleich ihre wachsende Sorge vor der Besetzung von Lagerhäusern in Afghanistan durch die Taliban-Milizen oder vor Plünderungen geäußert. Sie wiesen darauf hin, dass die internationalen Geberländer ihr Versprechen einer großzügigen finanziellen Hilfe bis jetzt nicht erfüllt haben. Nach Angaben des UNO-Koordinationsbüros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) fehlen allein in diesem Monat 93 Millionen US- Dollar (103 Millionen Euro). "Sind vom schlimmst möglichen Szenario entfernt" Laut anderen Angaben habe eine Massenflucht aus Afghanistan als Folge der amerikanischen Bombardierungen noch nicht eingesetzt. Wie eine in Islamabad stationierte Mitarbeiterin des EU-Programmes für humanitäre Hilfe, Echo, am Freitag in Brüssel berichtete, wird die Zahl der afghanischen Flüchtlinge in Pakistan auf 5000 bis maximal 30.000 Menschen beziffert. "Wir sind damit weit von dem schlimmst möglichen Szenario entfernt", hieß es bei der EU-Kommission. Die tatsächliche Flüchtlingszahl zu erfassen sei extrem schwierig, da die meisten illegal über die Grenzen kämen und bei Verwandten unterkämen. Die Mehrheit bliebe in Afghanistan, verließe aber die Städte, um Zuflucht in Dörfern zu suchen. Die humanitäre Situation ist bereits wegen der dreijährigen Dürre prekär und dürfte durch die Bombardierungen noch kritischer werden, führte die Echo-Mitarbeiterin aus. Laut UNO-Schätzungen sind rund 5,5 Millionen wegen der schlechten Ernten von einer Hungersnot bedroht. Kritik an amerikanischen Lebensmittelabwürfen Kritisch werden die amerikanischen Lebensmittelabwürfe über Afghanistan bei der EU-Kommission beurteilt. Nachdem schon EU-Kommissionspräsident Romano Prodi am Vortag beklagt hatte, dass die Pakete meist in die falschen Hände gelangten, hieß es am Freitag, normalerweise müssten solche Aktionen von Bodenpersonal der Hilfsorganisationen begleitet werden. Prodi hatte betont, dass Abwürfe nur als "letztes Mittel" eingesetzt werden sollten. Das Echo-Büro der EU-Kommission will in den kommenden Monaten vor allem Gelder für Kleidung, Zelte und Decken bereitstellen, die von den nicht-gouvernementalen Organisationen als Hilfe für die Überwinterung verteilt werden sollen. Nach dem 11. September hatte die EU-Kommission zunächst in zwei Tranchen insgesamt 5,5 Mill. Euro aus der Notreserve für Afghanistan bereitgestellt. Bis Jahresende sollen weitere 23,5 Mill. Euro (323 Mill. S) flüssig gemacht werden. (APA)