China und die USA stehen also Seite an Seite im Kampf gegen den Terrorismus, wie Staatschef Jiang Zemin nach seinem Treffen mit Präsident George W. Bush verkündet hat. Und was das Verhältnis zwischen den USA und Russland betrifft, so hat der amerikanische Außenminister Colin Powell noch vor der Begegnung der beiden Präsidenten am Sonntag in Schanghai ein großes Wort ausgesprochen: "Nicht nur der Kalte Krieg, auch die Periode nach dem Kalten Krieg ist vorbei."

Wenige Tage nach den Terrorangriffen des 11. September formulierte der US-Präsident vor dem Kongress, was er inzwi-schen selbst als die "Bush-Doktrin" bezeichnet: "Entweder ihr steht auf unserer Seite, oder ihr steht auf der Seite der Terroristen." Das impliziert, dass die Vereinigten Staaten definieren, wer ein Terrorist ist und welches Land ihn unterstützt.

Im Fall von Osama Bin Laden ist dies umso berechtigter, als dieser seine Urheberschaft für die Terrorangriffe inzwischen selbst indirekt bekannt hat. Die von Washington gezimmerte Allianz, die auch durch die UNO gedeckt ist, scheint wirksam. Ihre Dauerhaftigkeit vor allem in der islamischen Welt hängt freilich vom Erfolg der Militäraktion in Afghanistan und von den Reaktionen unter Muslimen rund um den Globus ab.

Dabei sind die Folgen einer Festnahme Bin Ladens oder seiner physischen Ausschaltung - so dies gelingen sollte - schwer abzuschätzen. Mit dem Verschwinden ihres Paten könnte die islamisch verbrämte antiamerikanische Militanz an Kraft verlieren. Ebenso gut aber könnte eine Märtyrerlegende entstehen - und damit die Basis für neuen Terrorismus.
Dass der Kampf gegen den Terrorismus kurzfristig zu gewinnen sei, glaubt ohnedies niemand. Es wird ein sehr aufwendiges, langwieriges Unternehmen in allen Bereichen des globalen Beziehungsgeflechts - wie dies von der US-Regierung ja sofort erkannt und prophezeit wurde. Augenmaß und kühler Pragmatismus, Realpolitik eben, werden in diesem Kampf eine gewichtige Rolle spielen. Für einen nachhaltigen Erfolg aber - und damit aus der anlassbedingten Antiterrorallianz auch nur annähernd das Gerüst einer neuen Weltordnung werden soll - müssen einige Grundvoraussetzungen erfüllt sein.

Sollten die großen nicht westlichen Partner der Allianz, Russland und China, ihre Beteiligung als Freibrief zur "Lösung" ihrer Probleme mit muslimischen Separatisten - Tschetschenien und Xinjiang - im eigenen Sinn verstehen, dann muss rechtzeitig klargestellt werden, dass dies ein Missverständnis ist. Präsident Bush hat das in Schanghai andeutungsweise getan. Ähnliches wurde auch gegenüber Moskau schon signalisiert, aber zu zaghaft.
In den Unabhängigkeitsbewegungen sowohl der Tschetschenen im Kaukasus als auch der Uiguren in Nordwestchina gibt es sicher terroristische Elemente, die teilweise auch aus dem Netzwerk Bin Ladens gefördert werden. Sie erklären sich aber vor allem aus der Weigerung der jeweiligen Zentralmächte, mit den gemäßigten Kräften zu verhandeln. Wenn sich nun Moskau und Peking im Namen des weltumspannenden Kampfes gegen den Terrorismus ermutigt sehen, Tabula rasa zu machen, würde dies die extremistischen Kräfte weiter stärken - und damit genau das Gegenteil des Ziels der Antiterrorallianz bewirken.

Was die USA selbst betrifft, so hat ihnen der 11. September auf furchtbare Weise das Ende des Unilateralismus deutlich gemacht. Die Art, wie Amerika künftig seine Interessen definiert und verfolgt, muss über die - notwendige - Zweckallianz gegen Bin Laden und dessen Helfer hinausweisen. Dann hat die "Bush-Doktrin" ihren Namen wirklich verdient. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 20./21.10.2001)