verlag
Eigentlich sind es die Fragen, die dieses Buch zusammenhalten. Nicht sich entwickelnde Geschichten, nicht sorgsam konstruierte Spannungsbögen, nicht behutsame Figurenzeichnungen: Nein, es sind die naiv, fast unschuldig gestellten Fragen, die mitten hinein in die Gegenwart zielen, auch wenn sie scheinbar von den Rändern her kommen, die dem neuen Roman von Thomas Meinecke so etwas wie eine Struktur verleihen. Auch wenn das Wort "Struktur" angesichts dieser über 300-seitigen alles mit allem vernetzenden Stoffsammlung unpassend erscheint. Denn Meinecke ist mit Hellblau wieder einen Schritt weitergegangen auf seinem Weg der Vermessung und Kartierung einer Welt, deren Konstruktionsplan aus den Händen diverser Essenzialisten in die von Identitätsschnüfflern gelegt wird. Wieder hat Meinecke seine Nase in die entlegensten (pop)kulturellen Winkel gesteckt und Türme von Material angehäuft, wieder hat er - nach seinem Nationenroman The Church of John F. Kennedy und dem Gendermix Tomboy - sein Projekt einer belletristischen Kulturwissenschaft um eine Drehung fester in den Boden der schönen Künste geschraubt. Und wieder heftet man sich begierig an seine Spuren. Durchforschung ethnischer Konzepte Diesmal ist Meinecke allerdings - im Mittelpunkt von Hellblau steht die Durchforschung ethnischer Konzepte - um einiges forscher vorgegangen als in seinen früheren Büchern. Anstelle eines Plots steht die Konstruktion eines vielfarbig schillernden subkulturellen Bedeutungsraumes, eines freien Infopots aus Fiktion und beinahe enzyklopädisch zusammengetragener Fakten über Rassismus und Antisemitismus, der Stabilisierung und Destabilisierung von Identitäten, der Destruktion und Dekonstruktion ethnischer Zuschreibungen. Damit verschiebt Meinecke auch auf der formalen Ebene Lesemuster: Der Orientierung an den Makrostrukturen einer Geschichte erteilt er zugunsten des jeweils nur für einige Absätze angeschnittenen Randständigen eine Absage. "Repolitisierung durch Mikroprozesse" lautet denn auch einmal die in Hellblau ausgegebene Devise. Textpfeiler gibt es in Meineckes Informationsmeer, das von mehreren Untergrundsströmungen gespeist wird, mehrere: Die wichtigsten tragen die Namen Tillmann Yolanda, Vermilion, Cordula und Heinrich, leben in North Carolina, Chicago und Berlin und sind via E-Mail, Telefon, Fax und FedEx miteinander verbunden. Ihr Alltag besteht darin, zu forschen, zu fragen und Informationen aus den Datennetzen zu fischen - wobei die ans Tageslicht geholten Ergebnisse über "Black, Queer and Jewish Culture" stets klarer im Vordergrund stehen als die Datenverarbeiter selbst und deren Taten: Über viel mehr als über das Aufkommen eines Wirbelsturms, eine Reise ins chassidische Viertel Brooklyns, nach Williamsburg, oder ins deutsche Bitburg, wird Meinecke nicht berichten. Fragen Die Text- bzw. Denkbewegungen des Buches lösen einfach scheinende Fragen aus: Was ist ein Amerikaner? Was ist ein Afroamerikaner? Was ist ein jüdischer Schwarzer? Gespeist werden die kursorischen Antworten, die ihrerseits wieder neue Fragen aufwerfen, in einem fort von Cultural-Studies-Wälzern, Geschichtsbüchern oder Zeitschriftenartikeln. Der seit Norman Mailer so benannte "white Negroe", der per se ein essenzialistisches Identitätskonzept sprengt, gibt das Stöckchen weiter an Aphrodite und diese weiter an die Hollywood-Comedienne Mae West und deren "mehrspurig kodierte Identität": Ist das Spiel Mae Wests "die doppelte Travestie eines weißen Mannes, der eine schwarze Frau spielt, die einen schwarzen Mann spielt", oder die "einer schwarzen Frau, die einen weißen Mann spielt, der eine weiße Frau spielt?" Kompliziert, doch bei Meinecke geht es weniger um tiefschürfende Thesenführung, als um die durchtriebene und teilweise witzige Darstellung des performativen Aneignungsprozesses einer Welt, die mehrgestaltiger ist, als es die Anhänger bipolarer Erklärungsmodelle wahrhaben wollen. Spiel mit Lesarten Weit entfernt von jedem Ursprungsdenken betreibt Meinecke ein schnelles, oft anekdotisches Spiel mit Lesarten, das sich nicht selten selbst ironisiert, trotzdem aber ernst genommen werden will. Ob Tillmanns Freundin, die über den "Topos des jüdischen Mannes als Frau" promoviert, ihren Liebhaber Venus nennt, da das Wort doch schließlich eine männliche Schlusssilbe besitze, oder man über die Hautfarbe Mariah Careys nachdenkt: Die Schwere der Gedankenlast steht immer in einem schelmischen Gegensatz zur Leichtigkeit ihrer Darbietung. Natürlich, das ist vorhersehbar, werden Rezensenten angesichts der Machart des Buches wieder vom Autor als DJ sprechen, und ganz falsch liegt man damit selbstverständlich nicht - bedenkt man auch den persönlichen Hintergrund des Autors: Thomas Meinecke ist bekanntlich Musiker in der Band Freiwillige Selbstkontrolle und Radio-Discjockey. In Hellblau kommt der in extenso herbeizitierten elektronischen Musik aber noch eine andere Funktion zu, nämlich die eines "radikal dissidenten politischen Mediums". Sie öffnet gewissermaßen einen Gegenraum. Zitiert werden vorwiegend Gruppen rund um das Detroiter Label Underground Resistance, vor allem das afroamerikanische Duo Drexciya. Dessen Musik, die fernab von konkreten Samples und den "perpetuierten Mythen einer sozialen Realität" besteht, also fernab von afroamerikanischen Ursprungsmythen, kreiselt um enigmatische Unterwasserwelten: "Solch unerforschte Abgründe bieten die perfekte Umgebung für Konzepte, die tief im Tracklisting verborgen oder in die unteren Schichten des Vinyl gepresst sind, für Vorstellungen und Ideen, nach denen du tauchen musst." Alternativ-Orte Die Tiefen des Meeres, dort wo sich das Hybride, sich Entziehende tummelt, fungieren also bei Meinecke als Alternativ-Orte zu einer sozialen Realität, in der (ethnische) Ausgrenzungen strukturell verankert sind. Das ist eine schöne Volte dieses Buches, eine Absteckung imaginärer Claims. Nicht umsonst sammelt Tillmann auch jeden Schnipsel, den er über U-Boot-Gefechte finden kann, nicht umsonst ist Cordula passionierte Taucherin. Und mitten drin in diesem nautischen Metaphorikgeflecht findet sich auch eine Erklärung für den Titel des Buches: Hellblau, die Farbe des Wassers, wie die des Himmels, entsteht - wie alle Farben - erst im Auge des Betrachters. Sie ist nichts als - eine Konstruktion. ( Von Stephan Hilpold - DER STANDARD, Print, Album, Sa./So. 20.10.2001)