verlag
Neulich im Kino. Vor dem Hauptfilm im Schnellschnitt durch ein Martial-Arts-Spektakel, eine Teenie-Komödie und eine Fantasyerzählung gereist. Coming attractions. Erste Einblicke. Rund zweiminütige, extrem verdichtete und dynamisierte Aussichten auf das, was bald in voller Länge auf Leinwänden erscheinen wird. Und nicht selten ein perfekt montiertes, kompaktes Spektakel, hinter das der ganze Film schließlich weit zurück fällt. Zuletzt etwa setzte Der Herr der Ringe Maßstäbe in Sachen Vorab-Promotion (vergleichbar höchstens mit der Star Wars-Kampagne). Der Start des Trailers im Jänner 2001 allein wurde beworben wie eine Filmpremiere. Denn Trailer sind - trotz Internet und Fernsehen - immer noch die prominentesten Werbeträger für kommende Kinoattraktionen. Und sie sind beinahe so alt wie das Kino selbst: Der Schweizer Filmwissenschafter Vinzenz Hediger legt mit Verführung zum Film nunmehr, auf Hollywood beschränkt, die erste umfassende historische Aufarbeitung dieser filmischen Miniaturen vor. Einerseits arbeitet er die prägenden formalen Charakteristika und die unterschiedlichen Typologien des Trailers heraus; zum anderen schreibt er ein spannendes Stück Filmgeschichte, das den Trailer vor dem Hintergrund sich verändernder Produktionszusammenhänge, des allmählich entstehenden Starsystems oder des Endes der klassischen Periode des Hollywood-Kinos Mitte der 50er-Jahre durch insgesamt neun Jahrzehnte begleitet. Die Geschichte des US-Kinotrailers beginnt um 1912. Also noch zu Zeiten des Stummfilms und in jener Umbruchphase, in der der Film allmählich von den Jahrmärkten in die Nickelodeons und bald auch in die ersten großen Filmpaläste wechselt. Einfache Schrifttafeln Die ersten Trailer, so beschreibt Hediger, waren einfache Schrifttafeln, am Filmende platziert. Ihr Aufkommen steht im Zusammenhang mit den damals beliebten Serienfilmen: am Ende einer Folge wurde einfach auf die Vorführung der nächsten verwiesen. Wenig später begannen die Produktionsfirmen ihre Werbung insgesamt zu professionalisieren, und die Trailer, die zunehmend auch Filmaufnahmen enthielten, wurden neben Plakaten, Aushangfotos, Fanmagazinen, Anzeigen oder Handzetteln fixer Bestandteil der Kinopromotion. Hediger sieht den Trailer auch im Zusammenhang mit der "narrativen Integration des Kinos": Weil das frühe Kino erst mit der Zeit filmische Erzählmittel wie die Montage ausbildete, war das Publikum an außerfilmische Orientierungshilfen - Live-Musikbegleitung, Kinoerzähler u.ä. - gewöhnt. Erst ab den frühen Zehnerjahren wurde "der Film (...) zum Spielfilm, die Story zum Kriterium, Filme voneinander zu unterscheiden (...)." Trailer, die häufig außerfilmisches Wissen (Offstimmen etc.) beinhalten, stehen auch für diese unterschiedlichen Zugänge zur Erzählung. Und sie tun dies bis heute. Darüber hinaus formulieren Trailer ein Versprechen. Sie verleiten zum Kauf einer Kinokarte. Und: "Sie sind das vorläufige Gedächtnis des Films, zu dem sich der Film verhält wie eine Wiederholung." (Von Isabella Reicher - DER STANDARD, Print, Album, Sa./So. 20.10.2001)