Der tschechische Ministerpräsident Milos Zeman war am Montag während der Pressekonferenz nach der regelmäßigen Kabinettssitzung in Rage. Die Regierung habe beschlossen, so Zeman, die kritische Prager Wochenzeitschrift Respekt und deren Chefredakteur wegen übler Nachrede zu verklagen."Damit 'Respekt' zu existieren aufhört" Daneben werde noch zusätzlich jedes der 17 Regierungsmitglieder Einzelklagen gegen die Zeitschrift einreichen und Entschädigung in einer Gesamthöhe von 170 Millionen Kronen (knapp 71 Mio S/5,16 Mio. EURO) fordern. Dieser Schritt sei notwendig, "damit Respekt endlich zu existieren aufhört", sagte Zeman wörtlich. Heftige Vorwürfe an Regierung Grund für die Attacke Zemans ist ein Artikel von Chefredakteur Petr Holub in der neuesten Ausgabe. Dort wirft er der Regierung unter anderem Versagen im Kampf gegen die Korruption vor: Die Minister ermöglichten durch ihr Nichtstun, dass die Korruption in Tschechien gedeihe. Tschechien bei Korruptions an dritter Stelle In der Vorwoche veröffentlichte die Organisation Transparency International, die weltweit die Korruption verfolgt und jedes Jahr diesbezüglich eine Rangliste von Ländern erstellt, ihren jüngsten Jahresbericht. Tschechien rangiert dort innerhalb der früheren Ostblockländer hinter der Ukraine und der Slowakei gleich an dritter Stelle. Dabei haben, so Holub, ausgerechnet Zeman und seine Sozialdemokraten bei den letzten Wahlen vor drei Jahren versprochen, Wirtschaftskriminalität und Korruption massiv zu bekämpfen und nach italienischem Vorbild eine Aktion "Saubere Hände" angekündigt. "Tritt auf Hühnerauge" Der Chefredakteur von Respekt zeigte sich in einer ersten Stellungnahme von den Drohungen des Regierungschefs unbeeindruckt. "Die Reaktion hat gezeigt, dass ich denen wahrscheinlich aufs Hühnerauge getreten bin." Gleichzeitig räumte er jedoch ein, dass diese Klage - würde ihr vor Gericht stattgegeben - tatsächlich das Ende für Respekt bedeuten würde. Über "Respekt" Die liberale Wochenzeitschrift Respekt, die unmittelbar nach der Wende von 1989 von Dissidenten gegründet wurde, war in der Vergangenheit maßgeblich an der Aufdeckung verschiedener Affären beteiligt. Seit 1996 wird sie vom früheren Kanzleichef Präsident Václav Havels, Karl Schwarzenberg, herausgegeben. Auch dieser Umstand war bisher häufig Grund zu Angriffen auf Respekt. Neben Zeman gehört auch der Parlamentspräsident und Chef der opositionellen rechtsliberalen Bürgerpartei (ODS), Václav Klaus, zu den Kritikern der Zeitschrift. Er wirft ihr vor, Sprachrohr Havels zu sein. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 24. Oktober 2001)