Selten wohl haben sich Laienschauspieler so exakt ans vereinbarte Drehbuch gehalten: Die Abrüstung der IRA hat begonnen, und bei allen Gutwilligen ist die Erleichterung zu spüren. Politiker in Belfast, Dublin und London geben sich Mühe, die Empfindlichkeiten vormaliger Gegner zu schonen, denn sie wollen den Neubeginn. Sie suchen nach der Euphorie, die im Zank der letzten dreieinhalb Jahre auf der Strecke blieb. Und jetzt, wo die scheinbar unüberwindliche Hürde der Entwaffnung endlich überwunden ist, sollte man zum Primat der Politik zurückkehren.

Die Waffen der Untergrundverbände wurden bewusst zum Zankapfel erkoren, um die langfristigen Absichten der Militaristen zu erkunden. Das war schon immer eine zweifelhafte Idee, denn damit räumten die Politiker den Militaristen ein Veto über den politischen Prozess ein. Aber der Wunsch nach einem greifbaren Beweis für die demokratische Gesinnung der IRA war und bleibt legitim, denn Frieden ohne demokratische Hygiene ist instabil.

Jetzt kann es allerdings nicht darum gehen, Erbsen zu zählen. Die Entwaffnung der IRA ist kein militärisches Phänomen, sondern ein politisches. Deshalb ist es völlig gleichgültig, wie viele Waffen unzugänglich gemacht wurden, entscheidend muss vielmehr sein, dass das Tabu gebrochen ist. Und es sei beigefügt, dass dieses Tabu nicht aus der Küche der IRA kommt, sondern in nebliger irischer Geschichte entsprang.

Die IRA hat sich nun erstmals den politischen Bedürfnissen der eng mit ihr verschwägerten Sinn-Féin-Partei untergeordnet, um die Koalitionsregierung in Belfast zu retten. Das ist das Unerhörte. Letztlich ging es um die Salonfähigkeit Sinn Féins in Dublin, wo bald schon Wahlen stattfinden, in Belfast, London und Washington. Derartige Überlegungen allerdings hätten die IRA früher nicht bekümmert, derart sicher war sie sich ihrer Mission. Es versteht sich von selbst, dass die britische Armee jetzt ihre erstickende Präsenz entlang der irischen Grenze abbauen muss, was gestern auch schon angekündigt wurde. Das nützt allen: Die britische Armee erhält Helikopter für Afghanistan, und die einheimischen Gemüter können sich abkühlen.

Im Widerspruch zu den herkömmlichen Regeln der nordirischen Politik gehen beide Seiten in Nordirland gestärkt aus diesem Prozess hervor. Sinn-Féin-Präsident Gerry Adams und seine Freunde haben ihre Kontrolle über die IRA ausgebaut und dürfen künftig als ernst zu nehmende Politiker gelten.

Der Unionistenchef David Trimble hat seinerseits bewiesen, dass er mit seiner bisweilen störrischen Taktik Ergebnisse erzielen konnte. Seinen innerparteilichen Widersachern darf er nun mit Fug und Recht vorhalten, dass sie mit ihrer selbstgewissen Nein- sagerei keine einzige Patrone erhalten hätten. Trimbles Reaktionen zeigen, dass er seine Kritiker künftig entschiedener als bisher in die Schranken weisen will. Dabei braucht er weiterhin Hilfe.

Die Bezeichnung "historisch" für die jüngsten Ereignisse scheint durchaus berechtigt, zumal wenn man die Dogmen und Tabus der IRA berücksichtigt. Damit sei allerdings nicht gesagt, dass der nordirische Friedensprozess nun vor allen Fährnissen gesichert sei. Katholische Schulmädchen in Nordbelfast werden weiterhin täglich von ihren protestantischen Nachbarn schikaniert, protestantische Terrorkommandos sind von den Fesseln des Waffenstillstands befreit und denken nicht im Traum daran, auf ihre Rohrbomben zu verzichten.

Aber es war schon immer die Grundprämisse dieses kühnen Friedensversuchs, dass ein stabiler demokratischer Rahmen eine notwendige Voraussetzung für die Entspannung an der Basis darstellt. Jetzt ist dieser Rahmen nicht nur wiederhergestellt worden, sondern auch solider als zuvor. Aber wir wissen immer noch nicht, ob diese auf Gleichberechtigung und Respekt gestützten Strukturen eine hinreichende Voraussetzung für die Aussöhnung zwischen verschreckten Nachbarn darstellen. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 25/26.10.2001)