Wien - Begrenzter Licht- und begrenzter Fluchtraum: Nicht zuletzt deshalb ist Verkehrs- und Tunnelexperte Univ. Prof. Hermann Knoflacher sicher, dass es weiter Unfälle in Tunnels geben wird. Allerdings macht es für ihn keinen Unterschied, ob es sich dabei um zwei Röhren oder um eine handelt, wie er am Donnerstag erklärte. Explosion? Im Fall des Gotthard-Tunnels ortete der Leiter der österreichischen Tunnelsicherheitskommission ein neuartiges Phänomen bei derartigen Unfällen: "Wenn es stimmt, dass die Decke auf 300 Meter eingestürzt ist, dann kann das eigentlich nur durch eine Explosion - möglicherweise durch die Bildung eines gefährlichen Luft-Benzindampf-Gemisches geschehen sein." Diese Vermutung gelte allerdings nur, wenn kein Konstruktionsfehler im Tunnel vorliege - das sei allerdings beinahe auszuschließen. Auffahrunfälle "In einröhrigen Tunnels geschehen Frontalzusammenstöße, in zweiröhrigen Auffahrunfälle", sagte Knoflacher. In diesem Zusammenhang wies er die Kritik von ÖAMTC-Sicherheitsexperten Willy Matzke zurück, der gestern, Mittwoch, sich erneut für den Bau von zweiten Röhren ausgesprochen und dabei Knoflacher angegriffen hatte. "Ich bin nur gespannt, was Matzke fordert, wenn es das erste Mal in einem zweiröhrigen Tunnel kracht. Fordert er dann dreiröhrige Tunnels?" Als Beispiel für seine These führte Knoflacher das Szenario an, dass ein Lkw mit Gefahrengut auf eine stehende Kolonne auffährt. Komplexe Systeme Der Experte betonte, dass Tunnels unheimlich komplexe Systeme seien, bei denen man mit einer Kontrolle dem Anschein nach nicht weiterkomme. Vielmehr sei eine so genannte quantitative Risikoanalyse erforderlich. "Es wäre ungefähr so, als würde man ein Atomkraftwerk dem Anschein nach kontrollieren. Im Tunnel ist jeder Pkw ein Gefahrenguttransporter." Trennung der beiden Richtungsfahrbahnen Knoflacher schlug eine bessere optische und akustische Trennung der beiden Richtungsfahrbahnen vor. Auch die Seiten müssten "entschärft" werden - Randsteine müssten entfernt und Wände glatt gemacht werden. Wichtig sei darüber hinaus eine Verbesserung der Flucht- und Informationssysteme. Kontrolle aller Verkehrsteilnehmer "Entscheidend ist aber die Kontrolle aller Verkehrsteilnehmer und die Kontrolle der deklarierten Güter", sagte Knoflacher. Es sei technisch machbar, alle Verkehrsteilnehmer auf Geschwindigkeit und Abstand zu kontrollieren und zu identifizieren. In der StVO-Novelle, die im November beschlossen wird, sei das enthalten. Der Experte wies zudem darauf hin, dass manche Güter falsch deklariert seien. Es sei ebenfalls eine Frage der quantitativen Risikoanalyse, ob und welche Güter - über die bereits bestehenden Verbote hinaus - für Tunneltransporte gesperrt würden. "Es ist aber auch die Gesellschaft gefordert, die entscheiden muss, was ein akzeptierbares Risiko für sie ist." Knoflacher erinnerte auch daran, dass bei Tunnelunfällen die schnelle Selbstrettung entscheidend ist. "Es geht um ein bis drei Minuten." (APA)