Airolo - Nach dem Inferno im Gotthard-Tunnel wurden bis Donnerstagnachmittag elf Tote gesichtet. In den Trümmern von Dutzenden ausgebrannten Autos wurden jedoch noch weitere Opfer vermutet. Der Polizei lagen über 100 Meldungen über Vermisste vor. Erst mehr als 30 Stunden nach dem Unglück gelang es der Feuerwehr, zum Brandherd vorzudringen und die zehn Leichen - neun Männer und eine Frau - aus dem Tunnel zu holen. Sie sind alle erstickt. Die Tessiner Staatsanwaltschaft hat am Donnerstag ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.Hohe Zahl an Vermissten Die hohe Zahl der Vermissten bedeute aber nicht unbedingt, dass alle tot sind: Am Tag zuvor seien 200 Meldungen eingegangen, sagte der Tessiner Polizeichef Romano Piazzini vor Journalisten. Die Polizei hoffte, dass sich viele der Vermissten vorerst noch nicht bei ihren Angehörigen gemeldet haben. "Wir haben den Brand unter Kontrolle" Die Feuerwehr hatte zuvor drei Mal vergeblich versucht, zum Unfallort vorzudringen. Erst am Donnerstagnachmittag hieß es: "Wir haben den Brand unter Kontrolle." Am Nachmittag waren die Rettungsmannschaften mit der Bergung der bisher offiziell bekannten zehn Todesopfer beschäftigt. In einem zweiten Schritt sollte der Tunnel stabilisiert werden, damit den Rettern selber keine Gefahr droht. Gefährliche Decke Die größte Gefahr für die Bergungsteams ging nicht mehr vom Rauch und den Flammen aus, sondern von Teilen der Decke, die herunterzufallen drohten. Deshalb müsse der Tunnel zuerst gesichert werden, ehe mit der Suche nach weiteren Todesopfern begonnen werden kann, hieß es. Zusammenstoß Der Frontalzusammenstoß zweier Lastwagen und der anschließende Brand in dem Tunnel mit einer Verkehrsröhre hat die Sicherheitsdebatte neu entfacht: Experten forderten strengere Vorschriften und eine Verschärfung der Kontrollen. Der Gotthard-Tunnel bleibt voraussichtlich Monate geschlossen. Die Sperre und ein schwerer Unfall auf einer Ausweichstrecke führten zu einem Verkehrschaos in der Schweiz. Hitze Den Rettern machte besonders die große Hitze im Tunnel zu schaffen. Bevor sie sich zum Unfallort vorkämpfte, hatte die Feuerwehr in mehreren Anläufen die Gluthitze erfolgreich mit Wasser und Kühlmaschinen gesenkt. Reifen und Kunststoffe in Brand Nach dem Zusammenstoß von zwei Lastwagen waren Reifen und Kunststoffe in Brand geraten. Die Ventilationssysteme des Tunnels wurden mit den schwarzen Rauchwolken nicht fertig. Experten erklärten, das System selbst sei bereits sehr gut. Es hätte in Kürze durch ein neues und noch effektiveres ersetzt werden sollen. "Das Unglück kam einfach zu früh", meinte ein Experte im Fernsehen. Problem Identifizierung Wie der Kommandant der Feuerwehr Bellinzona, Bruno Winkler, am Südportal des Tunnels vor Journalisten sagte, gestaltete sich die Identifizierung der zehn Opfer schwieriger als zunächst angenommen. Viele hätten keine Papiere bei sich gehabt. Wahrscheinlich hätten sie die Ausweise auf der Flucht vor dem Feuer in den Autos zurückgelassen, sagte Winkler. Zunächst müsse die Arbeit des wissenschaftlichen Dienstes der Polizei abgeschlossen sein. Laut Winkler könnte dies noch weitere 24 Stunden dauern. Der Einsatzleiter der Rettungskräfte, Rinaldo Kümin, ergänzte, dass alle Opfer vom Südportal des Tunnels her geborgen würden. Winkler berichtete weiter, dass in der zunächst nicht zugänglich gewesenen Unfall- und Brandzone von rund 250 Metern Länge etwa 15 Fahrzeuge unter herabgestürzten Teilen der Tunnelzwischendecke begraben seien. Es handle sich vorwiegend um Lastwagen. Es sei aber durchaus möglich, dass die Insassen dieser Fahrzeuge noch vor dem Einsturz der Decke hätten flüchten können. "Man kann hoffen, dass die Zahl der Opfer nicht mehr allzu stark steigt", sagte Winkler. Verkehrschaos Unterdessen brach am Donnerstag in der Schweiz der Süd-Nord-Verkehr teilweise zusammen. Nach dem Unglück im Gotthard-Tunnel war es zu einem weiteren Unfall auf der Ausweichstrecke am San Bernadino mit einem Todesopfer und einem schwer Verletzten gekommen. Auf der A2 bei Bellinzona und Lugano stauten sich die Autos in langen Schlangen Richtung Norden. Am Zoll in Chiasso herrschte Verkehrschaos. Die Einfahrt in die Schweiz wurde vorübergehend geschlossen. Die Schweizer Bundesbahnen kündigten zahlreiche Extrazüge im Personen- und Güterverkehr an. Die EU-Kommission in Brüssel äußerte sich bestürzt über den Unfall im Gotthard-Tunnel. "Nach den Ereignissen im französisch-italienischen Montblanc-Tunnel im März 1999 und im österreichischen Tauern-Tunnel im Mai 1999 werden wir erneut auf brutale Weise mit der Frage der Sicherheit in Tunnels konfrontiert", erklärte die für Verkehr zuständige EU-Kommissarin Loyola de Palacio. (APA/sda)