Sobibor, 14 Octobre 1943, 16 Heures - am 24. 10. um 21 Uhr im Künstlerhaus und am 25. 10. um 13.30 im Metro. Wieder eine Zahlenanalogie, 16 Stunden - die lässt der Film in 95 Minuten ablaufen, 16 Jahre alt ist Jehuda Lerner, als er im Konzentrationslager Sobibor einen deutschen Bewacher mit einer Axt den Schädel spaltet. Es war ein Aufstand, bei dem 16 Deutsche im Lager, die zur gleichen Zeit in verschiedene Betriebe und Geschäfte des Lagers (Schneider, Handwerker) bestellt worden waren, von je zwei Gefangenen mit Äxten, die sie von ihrer Arbeit als Zimmerer beiseite geschafft hatten, getötet wurden. Noch heute ist der Triumph im großen, gefurchten Gesicht von Claude Lanzmanns Interviewpartner Jehuda Lerner in jeder Falte sichtbar. Und: "Es konnte nur gelingen, weil die Deutschen absolut pünktlich waren, damit konnten wir rechnen." Davor zeigt Lanzmann einmal, nicht weit vom heute wie damals kleinen Bahnhofsgebäude mit der Aufschrift "Sobibor", eine Gänseherde, dazu Lanzmanns Stimme: Die aggressiven Schreie der Vögel waren im Lager Sobibor wie auch in Treblinka der Grund, warum die SS Gänseherden züchtete. Deren Schreien sollte dasjenige der Opfer in den Gaskammern übertönen. Die bis zum Exzess perfekten Planungen schienen aufzugehen: Die Gänse, die sich grell von der grünen und wenig durchschaubaren polnischen Landschaft abheben, waren laut genug. Und noch eine andere verborgene Konsequenz: zum Schnattern die unaufhörliche Brutalität des Ratterns der Vernichtungszüge. Alles wäre ganz brauchbar für Geographie- und Geschichtsstunden, gäbe es nicht den gespaltenen Schädel, der die Geschichte aufhebt: Der junge Täter hatte nicht die geringste Routine und nur den einen Augenblick zur Verfügung. Aber dieser Augenblick schlug sich zu ihm, zum brennenden Wunsch, die Statistik der Vernichtung und die Vorstellung der Täter von den verächtlichen Opfern zu widerlegen. Ein Augenblick, der die Geschichte aufbricht. Jehuda Lerner erzählt seine Geschichte mit der Axt, wie Geschichten von Dostojewskij erzählt sind, auch in ihrer Exzentrizität. Dem Film gelingt es auch fast 60 Jahre später alle eingefahrenen Vorstellungen zu vertreiben und einer Erinnerung aufzuhelfen, die schon deshalb die wenigsten wollen, weil sie ihren Vorstellungen von Glück, Unglück und den entscheidenden Zwischenlagen widerspricht. Aber erst solche Erinnerung macht diese Vorstellungen tragfähig. Auch dann noch, nachdem die ruhige, konsequente Stimme Lanzmanns fast abrupt damit aufhört, Todeslager und die Zahl der Toten zu Ende zu zählen, als Zusatz oft: "Not known): Maydanek, Treblinka, Minsk, 60.000, 58.730, 12.750 - wie lange dürften die Zahlenreihen für sechs Millionen sein? Claude Lanzmann nennt Jehuda Lerner auch einen "Master of Suspense", einer Spannung, die sich bis zum Schlussbild erhöht, "when human order and the reign of freedom re-establish their rights." - Er macht glaubhaft, dass ein solcher Optimismus nicht als verzweifelte Utopie wirkt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28. 10. 2001)