Nach dem 11. September werde nichts mehr so sein, wie es war, hieß es. Zumindest ein Umstand ist mit Sicherheit und auf Dauer anders geworden: dass es keine Gegend auf dieser Welt mehr gibt, die uns nichts angeht. Was mit Afghanistan weiter geschieht, wenn die Bombardements einmal zu Ende sind, ist nicht mehr eine Frage nur für AußenpolitikspezialistInnen, sondern für jede/n US-AmerikanerIn und EuropäerIn. Nicht zuletzt deshalb, weil wir alle für stabile Verhältnisse in jenem fernen Bergland werden zahlen müssen. Als die USA seinerzeit den Golfkrieg beendeten, aber Saddam Husseins Regime unangetastet ließen, wurde erklärt, ein Umsturz im Irak gehöre nicht zu den Kriegszielen der Verbündeten. Diesmal ist es anders. Die USA und ihre Koalitionspartner wollen nicht nur Bin Laden fangen, sondern auch die Taliban loswerden und eine akzeptable Regierung in Afghanistan installieren. Nicht nur militärische Schläge sind angesagt, sondern auch "nation building". Und jede/r weiß, dass eine halbwegs dauerhafte und den Menschenrechten verpflichtete Führung in diesem kaputten, zugrunde gerichteten und halb verhungerten Land nur dann eine Chance hat, wenn sie auf lange Zeit massive Hilfe von außen bekommt. Das kostet Geld. Viel Geld. Afghanistan ist nicht das einzige Land, für das die reichen Länder dieser Erde demnächst nolens volens Verantwortung werden übernehmen müssen. Im Kosovo und in Bosnien ist das schon lange der Fall. In Palästina bahnt sich Ähnliches an, wenn einer der gefährlichsten Krisenherde der Welt einigermaßen befriedet werden soll. UN-SoldatInnen, Friedenstruppen, internationale Beobachter, in Konfliktzonen tätige internationale Hilfsorganisationen, internationale BeraterInnen mit ihren Stäben - das alles ist in den letzten Jahren an vielen Orten Alltagsrealität geworden, ohne dass wir uns über die Konsequenzen noch wirklich klar geworden sind. Meistens sind diese Strukturen aus Feuerwehreinsätzen entstanden, die nach dem Willen der handelnden Regierungen von beschränkter Dauer sein sollten. Aber jedes Mal stellte sich heraus, dass es mit einem schnellen Einsatz nicht getan war. Solide Verhältnisse, in denen Konflikt und Terror nicht überhand nehmen, müssen mühsam und teuer aufgebaut werden. Es ist zu simpel, den Terror der islamistischen Extremisten einfach mit den ungerechten Verhältnissen auf der Welt zu erklären. Aber ganz unabhängig von diesen ist er auch nicht. Nicht aus Mildtätigkeit, sondern im ureigenen Interesse muss die zivilisierte Welt nach und nach nicht nur zu einer globalen Wirtschaftspolitik, sondern auch zu einer globalen Sicherheits- und Sozialpolitik kommen. Aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs ist die UNO entstanden. Aus der Erfahrung des internationalen Terrors kam vorderhand nur die US-geführte Antiterror- koalition. Aber man kann wohl davon ausgehen, dass aus ihr noch ein ganzes Netzwerk von friedenssichernden Institutionen hervorgehen wird. In diese Koalition ist auch Österreich eingebunden, ob es will oder nicht. Mit Fingerprint-Gesetzen und der Gewährung von Überflugsrechten werden wir nicht davonkommen. Und auch ein bisschen Entwicklungshilfe im jetzigen Ausmaß wird nicht genügen. In der neuen Weltordnung, die sich abzeichnet, werden wir, wie alle anderen reichen Länder auch, unseren Beitrag zu einer Art Lastenausgleich zu leisten haben, wenn die Welt sicherer werden soll. Plötzlich ist Afghanistan ziemlich nahe. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2001)