Die Frauen sitzen in einem kahlen Raum in der pakistanischen Grenzstadt Quetta und lesen im Chor von der Tafel ab: "Der ... Schnee ... schmilzt." In ihrer Heimat war den weiblichen Flüchtlingen aus Afghanistan der Schulbesuch vom regierenden Taliban-Regime verboten oder zuvor schon wegen bitterer Armut unmöglich. Viele der Mädchen und Frauen kommen aus Familien, die auf der Flucht alles zurücklassen mussten. In Pakistan haben sie aber immerhin die Chance, sich zu bilden. Ihre Lehrerin Asisa Chari ist ebenfalls ein Flüchtling. Sie war schon in Afghanistan Lehrerin, bevor die Taliban verfügten, dass Frauen weder lehren noch lernen dürften. "Als unsere Schule geschlossen wurde, weinten meine Schülerinnen bitterlich", sagt Chari, während ihre Schülerinnen Rechenaufgaben lösen, die verschleierten Köpfe tief über die dünnen Bücher gebeugt. "Wenn ich jetzt sehe, wie lernbegierig und glücklich diese Schülerinnen jetzt sind, macht das die Trauer von damals ein bisschen wett." Die jüngste im Klassenzimmer ist die zwölfjährige Gulnisa, die zu Hause fast ein Jahr zur Schule ging, bevor das Verbot der Taliban in Kraft trat. Damals war sie sieben. Aber auch Mittdreißigerinnen besuchen die Schule. Hafisa zum Beispiel, die Klassenbeste. "Sie ist die Fleißigste", sagt ihre Lehrerin stolz. Hafisa war nie in der Schule gewesen. "Ich komme aus einer konservativen Familie - niemand war der Meinung, dass Frauen eine Schulbildung brauchen." 80 Schülerinnen in zweistündigen Schichten In dem winzigen Klassenzimmer, dessen gesamte Einrichtung aus auf dem Boden liegenden Matten und der Tafel besteht, lernen täglich 80 Schülerinnen in zweistündigen Schichten: einfache Sätze, Addition, Subtraktion. Der Schulbesuch ist kostenlos, die Lesebücher werden umsonst zur Verfügung gestellt. Nur deshalb können sich die Schülerinnen den Unterricht leisten, keine könnte Schulgeld oder Bücher bezahlen. Die Organisation Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA) betreibt die Schule mit einem kleinen Budget: Die Miete für das Klassenzimmer beträgt monatlich 600 Rupien (11,25 EURO / 155 S), die vier Lehrerinnen erhalten monatlich je 500 Rupien. Doch selbst diese geringen Beträge strapazieren den Etat von RAWA auf das Äußerste. Die Schule besteht erst seit drei Monaten, und es gibt bereits eine lange Warteliste. In Afghanistan selbst betreibt RAWA geheime Schulen für Mädchen, ein hochgefährliches Unterfangen. Den Lehrerinnen droht die Todesstrafe, sollten sie entdeckt werden. In Pakistan arbeitet die Organisation ungehindert, doch scheuen ihre Mitarbeiterinnen nach Drohungen von Taliban-Anhängern und militanter Islamisten das Licht der Öffentlichkeit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.10.2001)