Wien - Der frühere russische Ministerpräsident Jewgeni Primakow hält die Vergeltungsschläge der USA in Afghanistan für gerechtfertigt, hat jedoch vor den Gefahren eines lang andauernden Krieges gewarnt. Der Kampf gegen den Terrorismus könne letztlich nicht mit militärischen Mitteln gewonnen werden, sagte Primakow am Dienstag in einem Interview mit dem ORF-Mittagsjournal, "auch nicht durch den Einsatz von Bodentruppen". Je länger die US-Angriffe dauerten, desto mehr drohe die internationale Anti-Terror-Koalition auseinanderzubrechen. Besonders Pakistan, Ägypten und Jordanien könnten im Zuge der Krise destabilisiert werden, sagte Primakow. Nach Ansicht von Primakow kommt der gegen die Taliban kämpfenden afghanischen Nordallianz eine zentrale Rolle bei der Bildung einer künftigen afghanischen Regierung zu. Eine neue Koalitionsregierung müsse aber auch die Bevölkerungsmehrheit der Paschtunen einschließen, da in der Nordallianz vor allem ethnische Minderheiten vertreten seien. Die derzeit in Afghanistan regierende Taliban-Miliz setzt sich mehrheitlich aus Paschtunen zusammen. Primakow sprach sich dafür aus, im Kampf gegen den Terrorismus auch im Nahost-Konflikt den "Boden zu neutralisieren". Notwendig sei ein gemeinsames Handeln von Russland, den USA, der EU, der UNO und der arabischen Welt. Nach Ansicht des ehemaligen russischen Ministerpräsidenten sollte mehr Druck auf die israelische Regierung ausgeübt werden. Zum russischen Krieg in Tschetschenien sagte Primakow, es sei gut, dass sich der Westen nach den Terroranschlägen in den USA davon löse, "mit zweierlei Maß zu messen. (APA)