Wien - Im EU-Parlament hat vergangenen Woche ein Treffen zwischen Europa-Parlamentariern, afghanischen Frauenrechtlerinnen und Oppositionellen stattgefunden, um über eine politische Lösung für Afghanistan nach den Taliban zu beraten. Dabei forderten afghanische Frauenrechtlerinnen die Einbeziehung von Frauen in die afghanische Politik, berichtete die Wiener Wochenzeitung "Die Furche" in ihrer jüngsten Ausgabe. Sima Samar, afghanische Ärztin und Frauenrechtlerin im pakistanischen Exil, äußerte sich skeptisch. "Was die jetzt allerorts getätigte Forderung nach einer demokratischen Regierung für Afghanistan betrifft, hege ich sehr starke Zweifel daran, denn niemand erwähnt die Beteiligung von Frauen an dieser zukünftigen Führung. Und ich glaube nicht, dass ohne die Beteiligung von Frauen der Begriff 'demokratisch' gerechtfertigt ist." Samar erklärte, seit Jahren würde der Westen "aus angeblichem Respekt vor der Kultur Afghanistans" den Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen Leben tolerieren. "Doch die Kultur wird hier nur als Ausrede für die Diskriminierung von Frauen vorgeschoben, beziehungsweise diese Ausrede wird vom Westen leider akzeptiert." Seit Jahren sei es kaum möglich gewesen, Geld für Frauenprojekte oder für die Ausbildung von Frauen auch von internationalen Organisationen zu erhalten. Jede Hilfe sei auf Männer fokussiert gewesen, kritisierte Samar. Gleichberechtigung gefordert Die Präsidentin der afghanischen Frauenrechtsorganisation NEGAR, Choukria Haidar, forderte die gleichen Rechte für Männer und Frauen. "Das muss ein integraler Bestandteil des Friedensprozesses werden...Frauen haben keine Rechte. Frauen sind vollkommen wertlos - dem muss nun ein für allemal ein Ende gesetzt werden." Haidar strich die wichtige Rolle Pakistans in den letzten Jahren vor allem bei der Schaffung der Taliban hervor. "Für die Zukunft Afghanistans ist es nach über 20 Jahren Krieg wichtig, dass ein Staat geschaffen wird, den alle befürworten. Aber solange Pakistan nicht akzeptiert, dass Afghanistan ein eigenes Land ist und weiterhin versucht, Afghanistan zu kontrollieren, wird das Land nicht zur Ruhe kommen", sagte die Frauenrechtlerin. Oft spreche man heute von den Taliban, von Bin Laden und von Pakistan und trenne oft die Dinge. Aber ohne Pakistan gebe es keine Taliban, ohne Taliban keinen Bin Laden. Für Haider ist auch die Unterscheidung zwischen moderaten und strengen Taliban "schockierend". Luftschlösser Der Grüne Abgeordnete im Europäischen Parlament, Reinhold Messner, erklärte, der Westen baue sich "Luftschlösser". Der Friedensprozess werde sicherlich am Beginn nicht über Wahlen stattfinden können. Wer soll denn wählen? Die Leute können nicht lesen und schreiben, weil sie seit 20 Jahren keine Schulen mehr haben." Die Burschen dort könnten ein Maschinengewehr betätigen, aber keinen Bleistift führen. Und die Mädchen und die Frauen hätten sowieso kaum eine Ausbildungschance gehabt. "Ich bin der Meinung, dass natürlich alle Afghanen in den demokratischen Prozess mit hineingenommen gehören, was sicherlich nur über eine Art Marshallplan passieren kann. Dieser muss vom Westen aber nicht nur finanziert, sondern auch mit demokratischem Know-How gespeist werden." Für den Europasprecher der oppositionellen pakistanischen MQM-Partei, Mohammad Anwar, ist eine Lösung der Probleme in Afghanistan ohne die gleichzeitige Miteinbeziehung Pakistans nicht möglich. "In Afghanistan werden nur die Symptome bekämpft, es gilt aber auch die Wurzel, die imperialistische Außenpolitik Pakistans, zu vernichten." Es gebe zwischen sieben- und zehntausend Religionsschulen in Pakistan, die vom pakistanischen Geheimdienst ISI gegründet worden seien. (APA)