Schräg gegenüber vom einstigen TV-Traumschiff, der stattlichen MS Berlin, liegt die MS Sun Bay im Kieler Hafen und wirkt fast wie ihr Beiboot. "Nur" 88,5 Meter lang, blau angefärbt und schnittig wie eine Yacht von Onassis liegt sie im Schatten des Riesen-Luxusliners. Der Hannoveraner Spezialveranstalter Columbus Reisen schwimmt mit der kleinen Sun Bay bewusst gegen den Strom der Großen. Denn die riesigen Vergnügungsdampfer sind mittlerweile selbst die Hauptattraktion, längst wichtiger als die angesteuerten Häfen. So kann man etwa auf der "Voyager of the Seas", einem 142.000 Tonnen Giganten mit rund 4000 Betten, auch mitten in der karibischen See Schlittschuh laufen. Auf der "European Vision" gehört eine sieben Meter hohe Kletterwand zum Freizeitprogramm. Ein Blick in die Kombüse der "Elation" verdeutlicht die Dimension. Die Zeit hat ausgerechnet, was auf diesem Dampfer für eine einwöchige Karibikreise benötigt wird: 5000 Kilogramm Fleisch, mehr als 10.000 Bananen, 41.600 Eier und, besonders wichtig für eine Kreuzfahrt, mehr als 4000 Liter Alkohol. Einkaufszentren, Restaurants, Kinos, Discos und Fitnesseinrichtungen gehören zur Grundausstattung von Kreuzfahrtschiffen. Anders auf der MS Sun Bay: Das Zielpublikum sind gut situierte Reisende, die keine Lust auf schwimmende Städte haben. Und Firmen für Incentivereisen. Mit "Monte-Carlo-Flair" wirbt die Passagieryacht. Maximal 96 Gäste können hier in den neun Suiten und 37 Kabinen ihren Urlaub verbringen. Die MS Sun Bay ist nicht die Einzige, die den Konkurrenzkampf mit den Großen aufnimmt. Mit so genannten Clubschiffen wie der "Aida" wollen Veranstalter auch neue, jüngere Zielgruppen ansprechen. Denn nach wie vor sind es hauptsächlich die Über-Sechzigjährigen, die Kreuzfahrten buchen. Der Wind ist auch für diese neue Art von Kreuzfahrten günstig. Denn der Markt boomt: Mitte des Jahres wurde von weltweit fast 13 Millionen Urlaubern auf See für das Jahr 2001 ausgegangen. Dass die Anschläge in den USA und die Angst vor weiterem Terror zu einer großen Stornierungswelle führen, glauben Reiseexperten nicht. Viele Veranstalter haben allerdings wegen der angespannten Sicherheitslage die Routen ihrer Schiffe geändert. Reisen entlang der arabischen Küsten und im östlichen Mittelmeer werden für zu unsicher gehalten. Über 200 Schiffe sind heuer im Dienst, geschätzte 50 neue Vergnügungsdampfer mit rund 100.000 Betten werden gerade gebaut oder wurden dieses Jahr in Auftrag gegeben. Noch ist die MS Sun Bay die einzige ihrer Art, doch zwei weitere Schiffe sind in Planung. Eines hat der kleine Kreuzer mit vielen großen Linern gemeinsam: Die Mitarbeiter, 50 auf der Sun Bay, stammen fast alle aus der Ukraine. Die meisten Schiffsmannschaften setzen sich aus Matrosen aus Südostasien oder Osteuropa zusammen - sie sind billige Arbeitskräfte. Und einen großen Vorteil hat die kleine Sun Bay gegenüber den Ozeanriesen: Diese können aus Platzgründen viele kleinere Häfen gar nicht mehr anlaufen. Solche Probleme hat die Sun Bay nicht. Peter Mayr Der Standard/rondo/16/11/2001