Ganz ruhig sitzt Amenda Afzali bei der Pressekonferenz der Nordallianz-Gruppe auf dem Podium. Sie sagt, so wie die anderen vier Delegierten bei dieser Begegnung mit JournalistInnen am Rande der Afghanistan-Konferenz kein Wort, nur Innenminister Junus Kanuni spricht. Nach der Pressekonferenz wartet die 43-jährige Witwe eines ermordeten Mudjahed gemeinsam mit einem Begleiter auf ein Auto, das sie zum Tagungsort auf dem Petersberg bringt. Die an Afzali gerichtete Frage, ob Frauen bei dieser Konferenz ernst genommen werden, beantwortet ihr Begleiter: "Sie sagt nichts." Warum nicht? "Keine Fragen." Die nach islamischer Sitte mit einem Kleid und einem Kopf tuch, das ihre Haare vollständig bedeckt, bekleidete Frau hat die Augen gesenkt. Sie ist Taschikin, floh in den Iran und gründete eine islamische Frauenbewegung, die sich für die Rechte der Frauen im Rahmen des islamischen Rechts einsetzt. Es entspinnt sich ein zehn minütiger Dialog, warum die Delegierte nichts sagen dürfe. Dann das Angebot ihres Begleiters: „Sie hat schon etwas gesagt, das habe ich auf Kassette aufgenommen, die Sie haben können." Nach weiteren Debatten lenkt er ein: "Okay, die eine Frage." Afzali antwortet mit leiser Stimme, spricht zwei Minuten – der Mann übersetzt einen Satz: "Ich bin sehr froh, dass ich als Frau an diesem Prozess beteiligt bin und unsere Stimme in diesem wichtigsten Gremium laut machen kann." Noch eine Frage: "Werden Frauen in der künftigen Regierung und im Parlament vertreten sein?" Der Mann winkt unwirsch ab: "Genug!" – und zerrt die Frau weg. Unter den insgesamt rund 50 Männern, die als Delegierte oder Berater in dem großen Konferenzraum auf dem Petersberg bei Bonn sitzen, sind fünf Frauen. Als Beraterin der Nordallianz nimmt Seddigheh Balchi, teil. Die Leiterin des Zentrums für politische, kulturelle und islamische Frauenarbeit ist Ministerin bei Prä sident Rabbani und direkt aus Kabul angereist. "Wir sind genauso wie die Männer an allen Prozessen beteiligt, auch bei dieser Konferenz werden wir genauso gehört wie die Män ner", versichert sie. Nur Augen, Mund und Nase sind von ihrem Tuch freigegeben, die Mittfünfzigerin ist in lange Gewänder gehüllt. Die zwei Journalistinnen, die in Hosenanzügen vor ihr stehen und sie interviewen, mustert sie und erklärt ungefragt: "Ich bin froh über meine Kleidung. Die islamische Kleidung ist ein Vorteil für die Frau, kein Nachteil. Die islamische Gesellschaft will nicht, dass die Frau zum Spielball für männlichen Mißbrauch wird. Das ist der Sinn der islamischen Kleidungsvorschriften." Sima Wali hat dagegen dunkelrot geschminkte Lippen, trägt einen taillierten Blazer und einen fast durchsichtigen fliederfarbenen Schal, der ihr immer wieder von den Haaren gleitet. "Ich bin die Stimme für alle meine afghanischen Schwestern. Für sie alle spreche ich hier und sie repräsentiere ich." Die seit zwanzig Jahren im US-Exil lebende Wali hat die Hilfsmissionen der UN-Frauenvereinigung Unifem für die afghanischen Flüchtlingsfrauen in Pakistan geleitet und gehört der Delegation der "Rom-Gruppe" um Exkönig Zahir Shah an. Durch einen Anruf habe sie die Einladung zur Teilnahme erhal ten und sie habe die Gelegenheit ergriffen, in Bonn "die Stimme für alle afghanischen Frauen zu erheben". Das tut sie dann auch in schrillem Ton bei der Pressekonferenz nach einem offen sichtlichen – nicht übersetzten – Einwand eines aus Afghanistan stammenden Journalisten, dass der Koran sage, Frauen sollten nicht an der Macht beteiligt werden. "Ich fordere, dass Frauen Teil der neuen Regierung werden. Der Islam sieht viele Rechte für Frauen vor. Ich habe als Muslimin und als afghanische Frau das Recht, selbst zu entscheiden. Ich will nicht von ihnen hören, was ich denken soll." Zuvor hatte sich Wali mehr fach beim Exkönig bedankt, dass dieser so viel für Frauen mache. Wali ist entfernt mit dem früheren Monarchen verwandt, die zweite Delegierte in der Rom-Gruppe, Rona Jusuf Mansuri, ist die Tochter des ehemaligen afghanischen Premierministers Jusuf. Zur Elite Afghanistans gehört auch Fatima Gailani vom einflussreichen Gailani-Clan. Ihr Bruder leitet die dreiköpfige "Peschawar-Gruppe" aus Exil-Afghanen, ihr Mann Anwar Ahadi ist ebenfalls Delegierter. "Wir Frauen werden bei dieser Konferenz ernst genommen", meint Gailani, die seit Jahren in den USA lebt. Sie selbst kann sich eine Rolle als Ministerin vorstellen. "Wenn ich gefragt werde, warum nicht?" Mansuri warnt jedoch vor zu großem Optimismus: "Fünf Jahre Taliban-Herrschaft hat ten großen Einfluss auf die afghanischen Männer. Wir können nicht alle Rechte für Frauen über Nacht fordern. Wir wollen sie langsam, aber sicher wiederherstellen." Emma Bonino, frühere EU-Kommissarin und jetzige italienische Abgeordnete für das Europaparlament, sagte zu die Standard.at: "Frauen müssen in der Regierung sein, das ist das Wichtigste. Ziel ist es, dass die Deklaration über die Frauenrechte Teil einer Abschlusserklärung in Bonn wird." Die afghanischen Frauen hätten inzwischen gelernt, dass sie sich selbst um ihre Rechte kümmern müssten "und das nicht anderen überlassen dürfen". DER STANDARD, Print-Ausgabe (in gekürzter Form) vom 1./2.12.2001