Ringe in Schlangenform, Ketten mit Schlangenköpfen und Schlangen-Armbänder - vorzugsweise in Silber - wie sie heute noch vor allem auf Kreta angeboten werden, sind mehr als bloßer Schmuck. Herstory-bewusste Frauen wissen, was diese Accessoires bedeuten. Matriarchale Symbolik In matriarchalen Kulturen zählt/e die Schlange zu den meistverehrten Tieren. Aufgrund ihrer wiederkehrenden Häutung wurde ihr Unsterblichkeit zugesprochen und sie zum Symbol der erneuernden Lebenskraft erhoben. Ihr sichtbarer Beweis von den Gesetzen der ewigen Wiederkehr machten sie zum heiligen, weisen und allwissendem Tier, das in enger Beziehung zur Frau - der Lebenspenderin - stand. Schlangen- und Zyklusgöttin Athene und Medusa Ihre Symbolik war eng mit der des Mondes verknüpft, da er sich wie sie periodisch erneuerte. In pelasgischer und mykenischer Zeit galt Athene als die Schlangengöttin par excellence. Ihr Mythos sagt, dass sie mit dem Gift der Schlange töten und heilen konnte, was den Weisheitsaspekt der Schlange hervorstreicht. Auch das Schlangenhaupt der Medusa ist in diesem Zusammenhang zu sehen, welche laut Jutta Voss die Zyklusgöttin war; die Schlangen auf ihrem Kopf seien der Zyklus als "geistiges Prinzip" - die Schlange deutet sie als Ursymbol der sich ewig erneuernden Kraft des weiblichen Blutes. Die "Menstruationsschlange" - so Voss - der Göttinnen tauchte in Ägypten in Form des Shen-Rings in roter Farbe als Symbol der Göttin auf, wie ihn beispielsweise Inanna oder Ischtar trugen. Der Shen-Ring habe sich dann zum Alpha und Omega und später auch zum Frauenzeichen gewandelt. (vgl. Venuszeichen Spurensuche II: Wie es zum Frauenzeichen kam ) Weisheitsschlange Noch um 1600 v.u.Z. gehörten Schlangen auf Kreta/Knossos zu den zentralen Bildern der Göttinnnenverehrung. In Kreta und Sumer wurden Gefäße gefunden, die der Schlangenhaltung dienten. In Delphi wurden Schlangenverehrungsstätten gegründet. "Man bat die Schlange um Rat, ihre Weissagungen. Eine Schlange zu töten, kam einem Sakrileg gleich." (Christina von Braun) Umkehrung am Beispiel des Äskulapstabes Im Laufe der Patriarchalisierung, beginnend mit der olympischen Götterwelt, wurde der Weisheits- und Fruchtbarkeitsaspekt der Schlange patristisch angeeignet, wie es am Beispiel des Äskulapstabes der Heilkunde ersichtlich wird. Nun verkörperte die Schlange männliche Fruchtbarkeit und Weisheit; sie war nun Ausdruck von Zeugung und Kraft, was Karlheinz Deschner ihrer Phallusähnlichkeit zuschreibt. "Kastrierende" Medusa Eine weitere patriarchale Aneignung des ehemals matriarchalen Schlangensymbols tritt in der psychoanalytischen Symboldeutung am Beispiel der Medusa zutage. Der Mythos erzählt, dass der Anblick des Gorgonenhauptes den Betrachter zu Stein erstarren ließe. Der alles sexualisierende Freud legte das Erstarren als Erektion aus, die für den Mann die Versicherung, nicht kastriert zu sein sei. Im Gegensatz dazu interpretiert Klaus Theweleit das Medusenhaupt als Ausdruck der weiblichen Potenz, mehr noch als "Symbol der männlichen Furcht vor ihrer nicht kastrierten "schrecklichen" sexuellen Potenz", als Kastrationsangst des Mannes. Denn wie, so fragt Theweleit, kommen "die vielen phallusartigen Gebilde an das Medusenhaupt? Doch nicht, weil ihm etwas fehlt, sondern weil es etwas einbehalten hat: all die Schwänze, die versucht haben, die weibliche Potenz zu unterdrücken". Das Medusenhaupt verkörpere daher die Vagina. Es/sie erschrecke durch seine/ihre Fähigkeit zu "kastrieren", eine Angstvision, wie sie in der männlichen Erfindung der verschlingenden "Vagina dentata" zum Ausdruck kommt. Lügnerin Paradiesschlange Dass die Schlange, das ureigene Göttinsymbol mit den Attributen Fruchtbarkeit, Stärke und Weisheit zum Prinzip des Bösen schlechthin verkehrt wurde, zeigt sich am deutlichsten in der christlichen Paradiesgeschichte des Alten Testaments. Sie war es, die mit gespaltener Zunge sprach - die Lüge und Verführung schlechthin. Mit der Verteufelung der Schlange musste das Matriarchat ein für alle Mal ausgetrieben werden. Lesen Sie nächste Woche: Spurensuche V: Der Hexenbesen (dabu)