Die walisische Band "Super Furry Animals" begeisterte in der Szene Wien mit einer Liveshow, die zwischen Botschaft und Eskapismus alle Wahrnehmungsmöglichkeiten bot. Wien - Mal ehrlich, man muss nicht unbedingt naturtrüb sein, wenn einem Pet Sounds von den Beach Boys egal ist: Zwei, drei, maximal vier gute Songs sind darauf zu finden. Die Arrangements mögen Notenlehrer heute noch in tiefe Depressionen stürzen, sind aber dem Rest der Welt eher egal. Natürlich gilt es zu respektieren, welche Reaktionen dieses 1966 erschienene Album damals auslöste. Einer Generation, deren Götter eher Chuck D, Johnny Rotten, Kurt Cobain oder Juan Atkins heißen, geht Brian Wilsons hochwolkiges Genie jedoch an der Hose vorbei. Selbst wenn Modemagazine wie das deutsche Spex es zum "besten Album aller Zeiten" segnen: lächerlich. Trotzdem - oder deshalb - muss dieses Album immer dann als Referenz herhalten, wenn sich jemand am Werk der kalifornischen Strandbuben kratzt, ihnen eine Melodie fladert oder den Gesang imitiert. Als wäre das heute, wo Sampling längst zum Selbstverständnis der Musikproduktion zählt, noch eine Information. Vielmehr entlarvt diese Haltung den in ihrer Geschichte steckenden (un)freiwilligen Rassismus. Denn wenn Weiße schwarze Musik plünderten - und wann taten sie das nicht? -, hielt dies kaum jemand der Öffentlichkeit bei jeder sich bietenden Möglichkeit unter die Nase: selektive Wahrnehmung gepaart mit historischer Unkenntnis - Tagesroutine im Pop. Aber genug Beschwerde geführt. Für all das können die Super Furry Animals nichts. Zwar verhandelt oben auf der Bühne der Szene Wien Sänger Gruff Rhys mit dem Titelsong des aktuellen Albums (Drawing) Rings Around The World gerade unleugbar das Erbe Wilsons. Samt psychedelischen Keyboardschüben und bunten Trickfilmchen im Bühnenhintergrund. Der Nachdruck, mit dem die fünfköpfige Waliser Band den Song in den Saal brettert, beweist jedoch, dass hier nicht bloß erbgeschlichen wird, sondern man sehr wohl klassische Vorgaben neu zu deuten weiß, ohne sofort den Verdacht des Plagiats auf sich zu ziehen. Den Manic Street Preachers nicht unähnlich verbinden die Super Furry Animals persönliche mit gesellschaftspolitischen Anliegen, die dem Publikum am Samstag über zwei Leinwände vermittelt wurden: Kritik am Klerus wurde mit Fegefeuer-Impressionen illustriert, während eine Pedal-Steel-Gitarre sirenengleich wimmerte. Lieb. Doch den Bekehrungswillen relativierte die Band selbst mit Texten wie "We are not here to tell you what to think. Not like them." Brav. Auch wenn andere Botschaften - "All governments are murderers and liars" - diesem Verdacht wieder zuarbeiteten. Egal, selber denken macht schlau. Diese Informationen stellte die Band zur Verfügung. Ob man sie annehmen wollte oder sich lieber dem Headbangen widmete, blieb freie Wahl. Die Super Furry Animals selbst beutelten inzwischen den Saal: einerseits mit rotzigen Rocksongs, in denen zwei Gitarren mit progressiver "Wall of Sound" aus dem Keyboard dem Publikum die Ohren anlegten. Die Beatles! Eh klar . . . Andererseits mit akustischen Gitarren, die den schwer an den frühen Elvis Costello erinnernden Gesang von Rhys im Licht klassischen Brit-Pops erstrahlen ließen. Dass es von dort nicht weit zu den Beatles ist, belegten Songs wie Receptable For The Respectable und ein als "Special Guest" angekündigter John-Lennon-Elendsdarsteller. Paul McCartney, der am aktuellen Album mit einem auf einer Sellerie (sic!) gespielten "Beitrag" vertreten ist, "würdigte" man durch Verbreitung dieser Wurzel im Saal. Zusammen mit dem euphorischen Auftritt von Travis vor zwei Wochen das überzeugendste Gastspiel einer Brit-Pop-Band seit - nachdenk! - ähem, sehr langer Zeit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 12. 2001)