Seit ihrer Hochzeit mit dem japanischen Thronfolger Naruhito vor acht Jahren ist Prinzessin Masako (37) mehrfache Hoffnungsträgerin. In Moskau und New York aufgewachsen, sollte die ehemalige Diplomatin, nach den Wünschen des fortschrittlichen Japan, frischen Wind in das leicht angestaubte Kaiserhaus bringen. Masako hingegen fügte sich dem Hofzeremoniell, spricht nur noch mit leiser Stimme und geht stets drei Schritte hinter ihrem Mann. Konservative Kreise erwarteten von ihr, den erhofften männlichen Thronfolger zur Welt zu bringen. Am Samstag gebar sie ein Mädchen. Masako und Naruhito werden die Erziehung ihrer Tochter selbst übernehmen. Die Prinzessin soll außerhalb des Palastes unterrichtet werden und wie Millionen anderer Kinder in Japan auch einmal eine Schuluniform tragen. Während der siebentägigen Zeremonien nach der Geburt bleibt für Masako und Naruhito allerdings nur die Statistenrolle: Ein Diener wird die kaiserliche Prinzessin baden, der Hofmarschall wird Passagen aus den ältesten überlieferten Chroniken aus dem 8. Jahrhundert vortragen. Selbst den Namen der Prinzessin wird ihr Großvater Akihito, der amtierende Kaiser, dem Hofzeremoniell entsprechend bestimmen - Wünsche der Eltern sollen allerdings berücksichtigt werden. Konzession an das Medienzeitalter: Die Zeremonie wird erstmals aufgezeichnet und zu einem späteren Zeitpunkt ausgestrahlt. Nach bestehendem Hofgesetz darf nur ein männlicher Nachkomme den Chrysanthementhron besteigen. Seit 1965, als Prinz Akishino, der jüngere Bruder Naruhitos, geboren wurde, gab es in der ältesten herrschenden Dynastie der Welt, die pikanterweise ihren mythologischen Ursprung auf eine Frau, die Sonnengöttin Amaterasu, zurückführt, keine männlichen Nachkommen mehr. Die ausschließlich männliche Thronfolge wurde erstmals Ende des 19. Jahrhunderts im Kaiserlichen Hausgesetz festgeschrieben. Davor gab es in Japan mehrere - formal - regierende Kaiserinnen, die letzte war Gosakuramachi, die 1763 den Thron bestieg. Die Geburt der Prinzessin dürfte für Traditionalisten und Tenno-Treue eine Enttäuschung bedeuten. Allein: Die Realität außerhalb der Palastmauern ist längst eine andere. Japans Frauen nehmen führende Positionen in Wirtschaft und Politik ein. Sie sind nicht nur gut ausgebildet, sondern auch nicht mehr bereit, nach der Heirat ihren Beruf aufzugeben. Premierminister Junichiro Koizumi hat erst im April fünf Frauen in sein Kabinett berufen, so viele wie noch nie zuvor in Japans Geschichte. Koizumi ließ auch anklingen, dass er einer Gesetzesänderung, die einer Frau den Weg auf den Thron ebnen würde, nicht abgeneigt sei: "Ich persönlich denke, eine Herrscherin wäre gut." (Tina Fernsebner-Kokert) (D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 3.12. 2001)