Wien - Österreichische Wissenschafter erhalten nun erstmals legal Zugang zu Europas stärkster Röntgenquelle. Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) hat in seiner jüngsten Sitzung eine Startfinanzierung in Höhe von zwölf Millionen Schilling (872.074 Euro) für einen Beitritt Österreichs zur European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) empfohlen. Diese internationale Forschungseinrichtung in Grenoble (Frankreich) liefert sehr intensive Röntgenstrahlung, die Wissenschaftern verschiedenster Gebiete Einblick in die Nanowelt und damit die Aufklärung kleinster Strukturen ermöglicht. Die Europäische Synchrotron-Strahlungs-Einrichtung ESRF wurde 1994 offiziell in Betrieb genommen. In einem Teilchenbeschleuniger mit einem Umfang von 850 Metern werden Elektronen nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Dabei entsteht Röntgenstrahlung, die zehntausend bis hunderttausend Mal so stark ist wie jene aus herkömmlichen Röntgenröhren. ESRF gilt als die stärkste Röntgenquelle Europas und eine der stärksten weltweit. Außenseiter Österreich Zwölf europäische Länder finanzierten den Bau von ESRF, andere traten später bei. "Mittlerweile ist Österreich das einzige westeuropäische Land, das nicht Mitglied der Forschungseinrichtung ist. Selbst Tschechien und Ungarn sind schon mit dabei", berichtet Peter Fratzl, Direktor des Erich-Schmid-Instituts für Materialwissenschaft der Akademie der Wissenschaften in Leoben, im Gespräch mit der APA. Der Wissenschafter hat sich in den letzten Jahren an der Spitze einer Gruppe österreichischer Forscher, die mit Neutronen- und Synchrotronstrahlung arbeiten, für den Beitritt Österreichs zu ESRF stark gemacht. Denn die Wissenschafter standen nach den Worten Fratzls vor einer "dramatischen Situation". Denn trotz fehlender Mitgliedschaft konnten in den vergangenen Jahren viele österreichische Forscher in Grenoble arbeiten und rund ein Prozent der gesamten zur Verfügung stehenden Strahlzeit nutzen. "Wir haben allerdings keinen Groschen dafür bezahlt, das war nur auf Goodwill", so Fratzl. Deshalb sei die Gefahr sehr groß gewesen, dass die Österreicher bald ausgeschlossen würden. "Dabei nimmt die Bedeutung der Strukturforschung mit Hilfe von Röntgenstrahlen rasant zu, vor allem in den Bio-Wissenschaften", betont der Wissenschafter. So sei die Synchrotron-Strahlung das wichtigste Werkzeug zur Aufklärung der Struktur von Proteinen. Die Bedeutung zeige auch die Zahl der derzeit schon an ESRF arbeitenden Österreicher: laut Fratzl sind mehr als 20 Arbeitsgruppen von fast allen Unis und Forschungseinrichtungen in Grenoble tätig. Was passiert danach? Die Freude der Forscher über die Finanzierungsempfehlung des Rates ist deshalb groß, aber dennoch nicht ganz ungetrübt. "Die nun zugesagten 12 Millionen Schilling sind der Beitrag für ein Jahr, was passiert danach?", fragt Fratzl. Nach seiner Ansicht wäre nur ein Vertrag über fünf Jahre sinnvoll, "wenn es nur bei einem Jahr bliebe, wäre das eine Blamage". Das Problem ist, dass ein Vertrag mit ESRF von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften abgeschlossen werde, und diese ohne finanzielle Garantien voraussichtlich keine längerfristige Verpflichtung eingehe. Als Beispiele für Forschungsarbeiten österreichischer Wissenschafter, die an der ESRF durchgeführt werden, nennt Fratzl neben der Aufklärung von Proteinstrukturen beispielsweise die Untersuchungen an der Struktur von Knochen im Zusammenhang mit Osteoporose oder Nanostrukturen in Halbleitern. (APA)