Zuletzt dachte man, nun würde sogar ihm die Puste ausgehen. Hommagen an Miles Davis und George Gershwin, Duos mit dem alten Weggefährten Wayne Shorter, die x-te Wiederbelebung der legendären "Headhunters" - auch Herbie Hancocks Projekte verströmten in den letzten Jahren oft jene klassizistische Retro-Aura, deren Geist in den 90ern nicht nur dank Wynton Marsalis die Jazzclubs durchwehte. Während "The New Standards" mit jazzigen Pop-Covers konzeptuell interessanter wirkten als im klingenden Resultat, geriet der einzige jüngere Versuch, auf den immer weiter beschleunigenden Zug populärer Trends aufzuspringen, mit "Dis Is Da Drum" (1995) zum überproduzierten Flop. Sollte dieser zwölf Jahre nach dem spektakulären Elektro-Hit "Rockit" für Hancock abgefahren sein? Mitnichten. Anno 2001 ist der 61-jährige Chicagoer, dessen noch immer jugendliches Aussehen offenbar mit seiner Lebensphilosophie korrespondiert, wieder da. Mit eigenem Label, neuer CD - und vor allem: tatsächlich überzeugend zeitgemäßen Grooves und Electronica-Sounds. "Future 2 Future" (Transparent Music/Sony) heißt der Silberling, der den Pianisten in Kollaboration mit Detroits Techno-Veteran Carl Craig und A Guy Called Gerald sowie den DJs Grandmixer DXT und Rob Swift zeigt. Kein Zweifel, die Gegenwart hat Herbie Hancock eingeholt. Für die Liveumsetzung sorgen im Zuge der aktuellen Europa-Tournee mit Darrel Diaz (Keyboards), Wallace Roney (Trompete), Matthew Garrison (Bass) Terri Lyne Carrington (Drums) und DJ Luis Quintanilla auch keine Schlechten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 12. 2001)