Boston/London - Das Geheimnis der "Fleisch fressenden" Bakterien: Sie verursachen eine Auflockerung von Zell-Schichten an der Oberfläche betroffener Gewebe. Dieser Angriff lässt die Keime schließlich tiefer eindringen und für Zerstörung sorgen. Das haben jetzt US-Wissenschafter herausgefunden. Sie haben damit wahrscheinlich den hauptsächlichen Faktor für die Gefährlichkeit dieser Bakterien entdeckt. Die Forschungsergebnisse werden in der neuesten Ausgabe der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature" (6. Dezember) veröffentlicht. Sie könnten zu einem wesentlich besseren Verständnis der Streptokokken-Infektionen führen. Schwere Schädigung Die Streptokokken der Gruppe A (Streptocococcus pyogenes oder "Fleisch fressende Bakterien") sorgen immer wieder für Aufregung. Der Grund dafür: Kommt es zu einer invasiven Infektion, die vor allem die Weichteile des Körpers - also Muskel und Fettgewebe - betrifft, können binnen kurzer Zeit schwerste Gewebeschäden auftreten. Außerdem besteht die akute Gefahr einer Blutvergiftung (Sepsis), die dann zu 30 bis 50 Prozent mit dem Tod enden kann (Multiorganversagen). In solchen Fällen hilft nur eine frühzeitige Antibiotikatherapie. Sie kann auch eventuell notwendig werdende chirurgische Eingriffe abwenden. Beispiel Ein bekannter Fall: 1998 war eine Besucherin des Oktoberfestes in München von einem 28-jährigen Mann buchstäblich ins Wadl gebissen worden. Eine sofort im Krankenhaus gestartete Antibiotika-Therapie samt Hauttransplantation half schließlich, die Folgen dieser Streptokokken A-Infektion zu beherrschen. Was aber bisher unbekannt war: Der Mechanismus, über den die Streptokokken der Gruppe durch die Oberfläche von Organen in das betroffene Fett- oder Muskelgewebe einwandern. Colette Cywes vom Brigham's and Women's Hospital in Boston in den USA und Michael R. Wessels von der Abteilung für ansteckende Erkrankungen der Harvard University (ebenfalls Boston) haben jetzt offenbar den Weg der Bakterien geklärt. Auslösender Reiz Demnach besitzen die Keime an ihrer Oberfläche ein Zuckermolekül in Kapselform, das auch Hyaluronsäure enthält. Dieser Kapsel wird von den Zellen, an denen die Streptokokken andocken, mit deren CD44-Rezeptor erkannt, der auch Hyaluronsäure aufnehmen kann. Dieser Reiz bringt die Zellen dazu, sich zu bewegen. Dadurch wird die Oberfläche der angegriffenen Organe und Organteile aufgelockert. Die Keime gelangen ins Innere ihres Angriffsziels. Interessant ist auch die Verwendung des CD44-Rezeptors durch die gefährlichen Bakterien. Dieses Molekül - zumindest bestimmte Varianten - könnten nämlich auch bei der Entstehung von Tochtergeschwülsten von Krebstumoren eine Rolle spielen. 1994 gab es in Europa eine regelrechte "Killer-Bakterien"-Hysterie. Nach rund zehn Todesopfern in Großbritannien waren viele Menschen beunruhigt. Zu einem - von den britischen Erkrankungen isolierten - Todesfall war es auch in Graz gekommen.(APA)