Wien - Eine weitere Senkung der Leitzinsen durch die Europäische Zentralbank (EZB) gilt in offiziellen Kreisen derzeit als wenig wahrscheinlich. Der Vorsitzende der Eurogruppe, Didier Reynders, bezeichnete Zinssenkungen als "mehr ein Thema für nächstes Jahr bei geringer Inflation". Der Chefvolkswirt des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA), Eckhardt Wohlers, hat sogar vor weiteren Zinssenkungen gewarnt. Zu niedrige Zinsen könnten einen übertriebenen Nachfrageschub auslösen, was Inflationsgefahr nach ziehen könnte, sagte er zur "Berliner Zeitung" (Freitagausgabe). Wohlers geht deshalb davon aus, dass im Euro-Raum höchstwahrscheinlich der Tiefstand bei den Zinsen erreicht ist. Anders als Wohlers erwarten viele Bankvolkswirte allerdings noch eine weitere Zinssenkung der EZB um zumindest 25 Basispunkte Anfang kommenden Jahres. Weitere Zinssenkungen könnten nach Einschätzung Wohlers' auch negativ auf die Aktienmärkte wirken: "Die niedrigen Zinsen haben sich schon auf die Börse ausgewirkt und zu einer Kursentwicklung geführt, die ich für übertrieben halte", sagte Wohlers der Zeitung. Stiegen die Aktienkurse zu schnell, könne erneut eine spekulative Blase entstehen und dann platzen. Duisenberg setzt keine Signale zur Senkung EZB-Chef Wim Duisenberg hatte vor der Presse keine Signale für eine baldige erneute Zinssenkung gegeben. Duisenberg hatte sich zuversichtlich geäußert, dass die Inflation in der Euro-Zone weiter zurückgehen und das Wachstum sich in der ersten Jahreshälfte 2002 beschleunigen wird. Die geldpolitische Haltung der künftigen Notenbank bezeichnete der EZB-Chef als angemessen. Am Donnerstag hatte der Rat der EZB bei seinen voraussichtlich letzten Zinsberatungen in diesem Jahr wie erwartet die Leitzinsen unverändert bei 3,25 Prozent belassen. Zudem hatte der EZB-Rat einen Referenzwert für das Wachstum der Geldmenge M3 für das kommende Jahr von unverändert 4,5 Prozent beschlossen. Die EZB hat im auslaufenden Jahr ihre Leitzinsen in vier Schritten um insgesamt 150 Basispunkte reduziert. Die Inflation in der Euro-Zone ist nach den Worten von EZB-Ratsmitglied Eugenio Domingo Solans noch immer hoch genug, um weiter eine wachsame Geldpolitik zu rechtfertigen. "Im November lag die Inflationsrate nach der ersten Eurostat-Schätzung bei rund 2,1 Prozent. Daher sind wir logischerweise wachsam", sagte Solans heute in einem Interview mit dem spanischen Fernsehsender "Telemadrid". Für den Augenblick seien die Leitzinsen auf einem angemessenen Niveau. Am 3. Jänner werde der EZB-Rat erneut über die Geldpolitik beraten. Für den Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), Klaus Liebscher, ist das aktuelle Zinsniveau in der Eurozone "geeignet, die Preisstabilität auf mittlere Sicht zu gewährleisten". Dies werde ein Umfeld begünstigen, das der Wiederherstellung eines höheren Wirtschaftswachstum im Eurogebiet förderlich sei. (APA/Reuters)