Genf/London - Die von den Teilchenphysikern emsigst gesuchten Teilchen, die Higgs-Bosonen, existieren vermutlich überhaupt nicht. Das fürchten Spezialisten des europäischen Forschungszentrums CERN in Genf, wo man vor etwas über einem Jahr erste Higgs-Spuren gesichtet haben wollte. Wenn es sie aber nicht gibt, kommt das "Standardmodell" der Physik - in ihm sind alle verschiedenen Teilchen zu einem System vereint - in Verlegenheit. Denn die Higgs-Bosonen sollen allen anderen Teilchen erst Masse verleihen. So postulierte es in den frühen 60er-Jahren Peter Higgs (Edinburgh) und machte sich zum Gespött seiner Zunft: Es gebe eine unsichtbare Energie im Universum ("Higgs-Feld"), die über die Higgs-Teilchen den anderen Masse vermittle. Die Fachzeitschrift Physics Letters lehnte die Publikation als "pointless" ab. Aber die Idee setzte sich durch, inzwischen gelten die Higgs-Bosonen in der Kernphysik als "Gottes Teilchen" und werden seit über einem Jahrzehnt in hartem Wettlauf zwischen zwei Großlabors bzw. ihren Teilchenbeschleunigern gejagt, dem Fermi National Laboratory in den USA und CERN in Genf. Lange hatte CERN den weltstärksten Beschleuniger (LEP), im Vorjahr wurde er stillgelegt, um einem noch stärkeren Platz zu machen (LHC). Mit ihrer Erfolgsmeldung erreichten die Forscher einen Monat Gnadenfrist für LEP. Seitdem hatten sie Zeit, die Daten noch einmal zu analysieren. Dabei zeigte sich, dass der Jubel einer Fehlkalkulation aufgesessen war. Manche CERN-Forscher schreiben das Teilchen deshalb gänzlich ab, andere hoffen auf den neuen Beschleuniger, der im Jahr 2007 fertig werden soll. Ob es LHC überhaupt je geben wird, ist unklar. Auch bei der Planung des Beschleunigers hat man sich verkalkuliert, manche Bauteile haben sich so verteuert, dass das ganze Projekt gefährdet ist. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8./9. 12. 2001)