John Ronald Reuel Tolkiens "Der Herr der Ringe" erzählt aus einer mythischen Welt und bietet doch etwas mehr: Der Name des Handlungsschauplatzes, Mittelerde (im Original Middle Earth), ist - unter anderem - eine Adaption des altnordischen Midgard, in der nordischen Sage die Welt der Menschen im Gegensatz zu Asgard (Götterwelt), Niflheim (der Unterwelt) oder gar Utgard (der Außenwelt der Dämonen, dem Chaos). Tolkiens Begeisterung für die nordeuropäischen Sagenwelten rührt aus der Studienzeit des 1892 Geborenen her und vertiefte sich mit der Mitarbeit am Oxford New English Dictionary und seiner Lektorentätigkeit in Leeds und Oxford. Künstliche Mythologie Den heute wohl etwas seltsam anmutenden Entschluss, eine eigene Mythologie für England sozusagen post factum zu schaffen, fasste er spätestens während seiner Stationierung in Frankreich während des Ersten Weltkrieges (1916). Er wollte damit ein Gegengewicht zu der in den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts grassierenden Begeisterung für alles Keltische setzen - und bezog doch auch diese Tradition mit ein - nicht zuletzt in der Elben-Thematik und der Schaffung einer eigenen Elben-Sprache. Früheste Anfänge Seit etwa 1917 sind Aufzeichnungen erhalten, die mittlerweile nahezu in ihrer Gesamtheit von Tolkiens Sohn Christopher als "Geschichte von Mittelerde" in mehr als einem Dutzend Bänden ediert worden sind. J. R. R. Tolkien betrachtete diese Mythen selbst allerdings mehr oder minder als literarische Spielerei und trug Gedichte in von ihm selbst entwickelten Sprachen und seine Sagen nur im Freundeskreis unter ähnlich interessierten Kollegen vor. Als Professor für Angelsächsisch beschäftigte sich Tolkien mit dem längsten in dieser Sprache verfassten Werk, dem epischen Gedicht "Beowulf", aus dem er das zentrale Element des Drachenkampfes in das für seine Kinder verfasste Buch "The Hobbit - Or: There and Back Again" (deutsch: "Der kleine Hobbit") übernimmt. Das Buch wurde 1937 veröffentlicht und ein völlig unerwarteter Erfolg. Dem Verlangen des Verlegers nach mehr Geschichten von und mit Hobbits konnte sich derProfessor nicht entziehen und entschloss sich zu einer Fortsetzung, aus der schließlich "Der Herr der Ringe" werden sollte. Abgeschlossen war das Werk etwa im Herbst 1949, doch unterzog J. R. R. Tolkien es bis knapp vor der endgültigen Veröffentlichung in drei Bänden (1954 Bände I und II, 1955 dann der dritte Teil) noch zahlreichen kleineren und größeren Veränderungen. Die penible Feinarbeit bis zur ersten Drucklegung merkt man diesem opus magnum der Phantastischen Literatur durchaus positiv an. Meilenstein des Genres Während "Der Hobbit" nur lose mit Tolkiens Mittelerde verknüpft war, ist die Geschichte dieser Welt essentieller Bestandteil der Faszination, die "Der Herr der Ringe" auch heute noch auszuüben vermag. Wie Herbert Philipp Lovecraft (1890 - 1937) mit seinen Schauerromanen stilbildend für das Genre der Dark Fantasy wurde, so gebührt John Ronald Reuel Tolkien zweifellos der Verdienst, die in mittelalterlichen Welten angesiedelte Fantasyliteratur entscheidend geprägt zu haben. Elfen und Zwerge kehrten aus den Kindermärchen in die Erwachsenenlesewelten zurück, und mit ihnen kamen Drachen, Riesen, Trolle und die Orks (Orcs), koboldartige, grausame Kreaturen von Menschengröße. Insider-Tipp unter Intellektuellen Für den großen Erfolg des Romans hatte die akademische Weltgesorgt, in der Tolkiens Werke vor allem seit den sechziger Jahren ungeheure Verbreitung und Aufnahme fanden. Bis heute sollen laut Statistiken des Buchhandels über 50 Millionen Exemplare weltweit verkauft worden sein. Bis zu seinem Tode 1973 arbeitete Tolkien fallweise weiter an seiner Mythologie, veröffentlichte aber außer Appendizes zu den Neuauflagen des Herrn der Ringe (etwa Sprachstammbäume und Schriftzeichentabellen) nichts von diesen Arbeiten. Erst 1977 gab Christopher Tolkien das aus Skizzen seines Vaters erstellte "Silmarillion" - eine geraffte Episoden-Sammlung aus früheren Epochen von Mittelerde - heraus, die Ausgabe der "Geschichte von Mittelerde" seit 1983 (deutsch seit 1986) macht aber durchaus klar, warum dieser selbst nichts davon an seine Verleger sandte - blieb sie doch im Großen und Ganzen eher Flickwerk als abgeschlossenes literarisches Werk. Stilbildend und perfekt für Merchandising-Träume Tolkiens Bedeutung geht weit über die Welt der Fantastischen Literatur hinaus. So wurde 1974 das erste Fantasyrollenspiel ("Dungeons & Dragons") entwickelt, in welchem Spielerinnen undSpieler in der gemütlichen Stube in die Rollen von Kriegerinnen, Zauberern, Zwergen oder gar Hobbits (Halblingen) schlüpfen, und mittels Tabellen und Würfeln, angeleitet von einem Erzähler (der Spielleiter, auch "Meister" genannt) Abenteuer in einem Mittelerdeähnlichen fantastischen Utopia nachspielen. Die Vermarktung von Mittelerde hat schon lange eingesetzt, doch erlebt sie mit demAnlaufen des Filmes einen neuen Höhepunkt. Fantasyspiele von Brett- über Karten- bis Rollenspiele sind nach wie vor beliebt, die Rechte für Miniatur-Filmfiguren aus Metall oder Kunststoff hat sich Games Workshop in London, ein auf Fantasy- und Tabletopspiele spezialisierter Spielwarenhersteller, gesichert. Und Ferrero packt in jedes siebente Kinderüberraschungsei eine dieser Figuren. (APA/red)