Claus Peymann steht auch in Berlin in Treue fest zu seinen österreichischen Autoren: Die Uraufführung von Peter Turrinis "Ich liebe dieses Land" am Berliner Ensemble veredelt einen liebenswürdigen Sketch mit tragischer Bedeutung zum Sittendrama. Dergleichen kann nicht ganz gut gehen. Die Koproduktion ist ab Herbst nächsten Jahres am Stadttheater Klagenfurt zu sehen. Berlin - Wen der Sozialdramatiker Peter Turrini mit seiner schier grenzenlosen Liebe überschüttet, mit dem hat es das Schicksal peinlich gut gemeint. Die von Turrini geliebten, seiner beträchtlichen Fantasie entstiegenen Personen hausen in Wohnzimmerlandschaften, in denen die Porzellanpuppe dem Plüschhasen zur Nachtstunde ein liebes Wort ins wollige Ohr flüstert. Die Kuckucksuhr kräht ein Signal dazwischen. Vielleicht setzt sich auch die Waschmaschine träge in Bewegung und fügt dem ganzen Wohnküchenzauber noch ein mahlendes Schleudergeräusch hinzu. Die Figuren des Peter Turrini sitzen in ihren Lebensverhältnissen fest, als würden sie in einer besonders günstigen Diätmargarine-Schachtel gefangen gehalten: Liebessehnsucht, jetzt schon gesehen um fünf neunundneunzig! Dabei übersteigt ihre Liebesfähigkeit ihre Kaufkraft bei weitem. Ihr Denken unterliegt den geläufigen Verblendungen der Konsumwelt, und immer dann, wenn nichts mehr zu gehen droht, pfercht sie ihr liebender Anwalt in eine seiner Wohnküchen, wo sie einander, wiewohl unansehnlich in einer Wettbewerbsgesellschaft der Schönen, Starken, liebend zu Willen sind. Das sind jene Mikrosekunden Glück, deretwegen Turrini seine Dramen wohl schreibt, und er tut das mit dem klein gehaltenen Ehrgeiz des in Wahrheit übermächtigen Passionsspielleiters. Kitschig ist bloß der, welcher schlecht darüber denkt! Nun hat Turrini aber auch der ganz sinnlose Ehrgeiz ergriffen, die jüngeren Zeitläufte zu kommentieren. Schlimmer noch: Er schielt, eines Dramenauftrages seines alten Weggefährten Claus Peymann wegen, ganz unvernünftig lange auf die benachbarte Bundesrepublik Deutschland, wo die Menschen zwar gesetzter sprechen, aber womöglich noch mehr lügen. Sagt Turrini, der es ja wissen muss. Ein Exportartikel Die Schmonzette Ich liebe dieses Land exportiert das tragische Geschehen rund um den zu Tode gekommenen Asylwerber Marcus Omofuma sozusagen kostengünstig nach Berlin. Wir sehen auf der Bühne des Berliner Ensembles, welches auch schon bessere, weil radikalere Zeiten gesehen hat, eine polnisch sein sollende Putzfrau, die einem annähernd sprachlos sein sollenden Asylwerber aus Nigeria mit dem Wischmob um die natürlich bloß sein müssenden Füße geht. Der Nigerianer Beni Jaja (Ernest Hausmann) ist mit Handschellen an eine Messingleitung gekettet. Fräulein Janina Wisniewska (Maria Happel) macht einen kompakt gedrungenen, dabei menschlich erwärmenden Eindruck, der zu gleichen Teilen aus Ammoniak, Brabbelei und einem Soubretten-Kicherton zusammengesetzt ist. Turrinis köstlicher Einfall besteht nun darin, Beni unentwegt den einzigen Satz sagen zu lassen, dessen er in deutscher Sprache mächtig ist: "Ich liebe dieses Land!" Er ist auf diese Liebe angewiesen, um zu überleben. Die resolute Frau Janina ist ihrerseits sehr bald auf ihn angewiesen, um ihn mit Schwarzwälder Kirschtorte, "Negerküssen", fingerdick Nivea und begehrlicher Liebe förmlich zu überschütten. Dazwischen brennt Turrini ein kleines Nummernkabarett-Feuerwerk ab. Der vom Bier erhitzte Schupo; der protestantisch hitzige Psychologe; der von seiner "Correctness" ganz übersäuerte Reporter; die geschlechtlich erregte Frau des Polizeipräsidenten - sie alle kreisen um den schönen Wilden, in dessen verständnislos geweiteten Augen ein kleines Panikfeuer abbrennt. Dergleichen soziokultureller Gemütskitsch verglimmt nach zehn Minuten zu Menschentümelei. Doch Regisseur Philip Tiedemann merkt man das Unwohlsein, die bäuchlings nagenden Kunstskrupel jederzeit an. Seine Intelligenz verhilft ihm sogar zu einem tadellosen Phantom-Theaterschmerz, denn wie soll man einen kleinen, annähernd bedeutungslosen Sketch mit ernstem Hintergrund zum Theaterunikat hochrüsten? Das angeblich andere, "bessere" Österreich wollte Turrini (und mit ihm wohl dem an seiner zunehmenden Bedeutungslosigkeit zäh nagenden Claus Peymann) die liebende Gefolgschaft nicht aufkündigen: Ganze Flugladungen von Habitués, gewesenen Ministern und Exkulturstadträtinnen fanden sich pünktlich zur Uraufführung huldigend und glücksverheißend ein. Im zweiten Akt, nachdem Beni dank irgendwelcher Zufälligkeiten in Janinas guter Wohnstube kuchenkauend gelandet ist, stemmen Happel und Hausmann mit vereinten Kräften die ganze tränennnasse Sozialkitsch-Kiste für einige Momente lang ganz schwindelerregend hoch. Happel wirft sich auf ihrem Sofa mit Schondeckchen in erotische Hausfrauenpositur; Hausmann schmiegt sich panisch plappernd neben die Abwasch. Der gelernte Menschenschnitzer Turrini versteht sich auf dergleichen Irrwitz, und für die Dauer einiger Sekunden möchte man den Pappkameraden ein wahrer Seelentröster sein. Doch dergleichen versickert in der Abwasch, zumal wenn Tiedemann versucht, auf Stefan Mayers Dreh-Ächz-Bühne aus Turrini den Alpen-Adria-Beckett zu machen, mit zwergwüchsigem Gefängnisinsassen und einem Wirtschaftskriminellen (Norbert Stöß als Stoiber-Verschnitt), die gemeinsam Pozzo und Lucky spielen. Den Applaus wird man ohne Häme als enden wollend beschreiben dürfen. Und von den Retzer Weinbauern, die Turrini im Bus heranzukarren versprach, war kein Einziger mit freiem Auge zu sehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 12. 2001)