Wien - Als die aggressivste aller seiner Symphonien hat man die Sechste von Gustav Mahler bezeichnet; und zweifellos ist Zubin Mehta ein Dirigent, der diese Meinung nicht ungern in Klang umsetzt. Im Wiener Musikverein geht es denn auch schnittig-flott zu, die Philharmoniker agieren so dramatisch-unsentimental, dass man glaubt, in einem symphonischen Schnellzug zu sitzen. Dass es schließlich eine doch facettenreiche Angelegenheit wurde, verdankt man auch Mehta. Zwar kracht es in dieser Welt der Hammerschläge und Glocken ziemlich. Mehta versteht es jedoch genauso, mit den zierlichen Seitenszenen, den delikaten Feinheiten jugendlich ausgelassen zu spielen. Der philharmonische Klang, nur punktuell durch Intonationsprobleme der Bläser beeinträchtigt, tat sein Übriges, um wohltönende Geschmeidigkeit in den Abonnementnachmittag zu bringen. Kaum zwei Stunden, nachdem der Mehta-Mahler verklungen war, wurde von Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus Das Alexanderfest ausgerichtet. Dem Oratorium Georg Friedrich Händels liegt eine Ode des Dichters John Dryden zugrunde; diese wiederum könnte man als leicht krude Melange aus Historie und Griechisch-Mythologischem beschreiben. Alexander der Große, der Sänger Timotheus und die heilige Cäcilia tummeln sich da, Thema: "The Power of Musick"! Wie gemacht also für Händel. Wie's war? Wunderbar. Allen voran muss Michael Schade lobgepriesen werden; man müsste eigentlich auch eine Ode an die Freude über die Gesangskunst des Deutsch-Kanadiers dichten. Das Timbre weich glänzend, die Stimm(ver)führung behände und scheinbar ohne jede Mühe, die Interpretation so virtuos wie lebendig: Man hört ihn singen und ist glücklich. Bei Dorothea Röschmann dachte man zuerst: etwas zu penetrant, nur Power, kein Piano usw; sie vermochte dann aber ihre Schwächen derart geschickt und verführerisch zu umsingen, dass man sie schnell und fest ins Herz schloss. Gerald Finley weniger: Der gestaltete zu uniform und statisch. Concentus & Harnoncourt? Stupende Homogenität und Flexibilität; jeder, wirklich jeder Ton empfunden vorgetragen; Arnold Schönberg Chor detto. Ein Fest! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 12. 2001)