Worcester/Wien - Der 23. November 2001 ist Geschichte, vor allem aus österreichischer Eishockey-Sicht. Reinhard Divis ist, als die St. Louis Blues gegen die Detroit Red Wings mit 1:3 verloren, in der allerersten Reihe gesessen, so weit vorn wie noch nie ein Österreicher bei einem Spiel der National Hockey League (NHL). Divis sprang für einen kranken Kollegen ein, die Partie scheint in seiner persönlichen Bilanz auf, damit will er sich nicht begnügen. "Mein Ziel ist ein NHL-Fixplatz", sagt er, "deshalb bin ich hier."

Der Kollege wurde gesund, Divis musste zurück zu den Worcester Ice Cats. Das Farmteam von St. Louis spielt in der North Division der American Hockey League (AHL), quasi die NHL-Vorfeldorganisation. Der Vorarlberger, der beim schwedischen Traditionsklub Leksand und im Nationalteam das Interesse diverser Scouts geweckt hatte, machte dort von Anfang an gute Figur. "Der erste Eindruck ist entscheidend." Die Ice Cats haben dank Divis weit mehr gewonnen als verloren, er pariert mehr als 90 Prozent der Schüsse, die auf sein Tor abgegeben werden. Dabei kassieren seine Vorderleute die meisten Strafminuten der Liga, was dem Goalie den Job nicht gerade erleichtert.

Divis hat sich an eine kleinere Eisfläche gewöhnen müssen, auch ist der Weitschuss nur dann ein unerlaubter, wenn zuerst ein Verteidiger an die Scheibe kommt. "Der Puck springt oft wild von der Bande zurück und vors Tor." Divis hat sich rasch umgestellt, das verlangte Kollegen und Reportern Respekt ab. Zu Beginn hatten sie ihn skeptisch beäugt. "Die meisten wissen ja nicht, wo Österreich liegt, da musst du ihnen schon mit dem Schwarzenegger kommen. Wenn wir in Kanada spielen, dann wollen die Zöllner jedes Mal die Pässe von unseren beiden Russen und vom Australier kontrollieren. Der Australier bin ich."

Worcester liegt in Massa-chusetts und hat 170.000 Einwohner. Von nächtlichen Spaziergängen wird abgeraten. Divis wohnte die ersten Wochen in einem Hotel, außer Polizeisirenen hörte er nur Feuerwehrsirenen. Dann zog er mit Frau und den Kindern Dominic (4) und Nicole (1) in eine Appartementsiedlung etwas außerhalb. Er spielt oft viermal pro Woche, ansonsten wird trainiert. Die Familie dabeizuhaben war ihm extrem wichtig. "Du kommst heim und tauchst in deine eigene Welt ein. Du sprichst dieselbe Sprache wie immer, du isst dasselbe Essen."

Ob es Reinhard Divis schafft, ist nicht nur eine Frage von Leistung, auch eine Frage von Verträgen, Management und Lobbying. Wenn es Divis schafft, ist er als erster Österreicher einer von 300 Europäern, die ein NHL-Drittel stellen. "Und wenn ich's nicht schaffe, kann ich nachher in den Spiegel schauen und sagen: Ich hab's probiert."(Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2001)