Peter Steins "Faust"-Projekt hätte in Wien eine "andere Peripherie beschrieben" und ein Publikum von Nichthabitués beglückt - sagt "Mephisto" Robert Hunger-Bühler. Im Gespräch mit Ronald Pohl markiert er die kleinen Dinge einer großen Erfahrung. Wien - Der Schweizer Mephisto Robert Hunger-Bühler (48) ist seit rund zwei Jahren Angestellter von Peter Steins Faust-Gesellschaft. Besagtes Unternehmen ist zu dem einzigen Zweck gegründet worden, Aufführungen von Goethes Faust, der Tragödie erster und zweiter Teil seriell herzustellen. Besagte Aufführungen wurden unter ungeheurer Anteilnahme eines sonst auf Gegenwartstheater wenig erpichten Publikums in Hannover, Berlin und jetzt im Wiener Kabelwerk gezeigt. Die Besonderheit dieser lediglich auf Zeit gegründeten Manufaktur bestand im Wesentlichen darin, der Öffentlichkeit keinen einzigen Goethe-Vers vorzuenthalten. Doch auf Zeit gegründete Unternehmen sind auch gefräßig. Sie verschleißen rücksichtslos die Arbeitskraft ihrer Angestellten. Jetzt ist's aus. Wie wehrte man der Abnützung? Robert Hunger-Bühler ist bekanntlich nur der halbe Mephisto. Mit Alter Ego Johann Adam Oest unterhielt sich der feinnervigere der beiden Verneinungskünstler schon in frühen Probetagen über die Anschaffung einer gemeinsamen Garderobenliege. Peter Stein schuf somit genossenschaftliche Denkansätze. Der Plan, in teuflischer Eintracht ausgeheckt, war so sinnfällig wie einfach: Wenn zum Beispiel der eine der beiden Mephisti gerade beim Osterspaziergang gewesen wäre, hätte der andere über die Gewinnung Gretchens auf seiner Garderobenliege bequem nachsinnen können. Wäre der andere hingegen darangegangen, Geschmeide für Gretchen herbeizuschaffen, hätte sich wiederum Mephisto 1 liegend für die Walpurgis-Hexen in Wallung versetzen können. Und so reihum, rund 21 Brutto-Stunden lang. In Telefongesprächen mit der Berliner Zeitung , die später in einem Buch niedergelegt wurden, hielt Hunger-Bühler die Welt in Atem: Was, Herr Hunger-Bühler, wurde aus Ihrer gemeinsamen Probeliege? In Hannover und Berlin schien Kollege Oest ja alle Anschaffungsversuche gemein hintertrieben zu haben! Unter Vorspiegelung des Ankaufs einer so genannten Gesundheitsliege, wie sie die Süddeutsche Zeitung eine Zeit lang sogar als Abonnentenprämie im Sortiment führte, wurde der Erwerb mindestens verschleppt und dann, in Betreff der Spielserien in Hannover und Berlin, schließlich völlig unmöglich gemacht. Hunger-Bühler erzählt, dass die beiden Mephisti auf dem Faust -Areal im Wiener Kabelwerk einen "Container im ersten Stock bezogen" hätten, mit Blick auf die Klötze von Alterlaa. Ein Container sei in vielerlei Hinsicht schöner als manche Wohnung, sagt Hunger-Bühler. Neuer Wien-Anlauf Die oftmals in einen undurchdringlichen Nebel gehüllten Twin-Towers im Auge, sei das Anschaffungsprojekt aus dem Blick geraten. "Eines Sonntags", erzählt nun Hunger-Bühler, "als sich die beiden Towers aus dem Nebel herausschälten, habe ich Oest vorsichtig gefragt, was mit der Liege sei. Er antwortete, dass man das Problem in Wien neu in Angriff nehmen könne - bis hin zum Naschmarkt, wo man doch eine ausgediente Liege aus dem Art déco sogar kostengünstig erwerben könne." Hunger-Bühler, also eigentlich: Oest, hätte sich vom Flohmarkt wahre Wunderdinge erhofft. "Das wurde besprochen, aber dann ist es zu keiner Liege gekommen. Wir haben jetzt unsere Ikea-Liegen." Also doch: Liegen. Dabei hatte Hunger-Bühler davon gesprochen, dass er Gefahr laufe, auf der Liege vom Schlaf sozusagen hinterrücks übermannt zu werden: "Stimmt schon. Die werden verkauft, wenn zwei Tage vor Weihnachten alle Faust -Requisiten feilgeboten werden." Hunger-Bühler: "Es ging nur noch um das Durchziehen einer Idee." So wie es Peter Stein darum gegangen wäre, seine Idee vom "integralen" Faust durchzuziehen. Eine Liege ist für Mephisto einfach nicht funktional. Hunger-Bühler sagt das, am Ende einer Spielserie, die man wegen enthusiastischer Nachfrage jetzt bequem um ein Jahr verlängern könnte, so: "Eine sich ausmehrende Liege hätte da gar keinen Platz gehabt." Manche Dinge, schön ausgedacht, besitzen einfach keinen Wert. Was wird für Robert Hunger-Bühler, der im März mit einer Botho-Strauß-Uraufführung am Berliner Ensemble Premiere hat, Regie: Luc Bondy, noch übrig bleiben vom Faust -Marathon? Goethes zerfledderte Reclam -Bändchen, von einem Gummiband notdürftig zusammengehalten. "Die trag' ich am Herzen. Nur hab' ich die, um sie vor der Wiener Sammelwut zu schützen, in Berlin gelassen. Die kommen bestimmt nicht auf den Flohmarkt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 12. 2001)