Wien - Es hat schon was, immer wieder: nur dieses schwarze Ding auf der Bühne, ein Hocker davor. Ein Kasten mit 88 Tasten, der nichts ist, der lediglich mithilfe filzbezogener Hämmerchen leiser werdende Töne produzieren kann. Ein Kasten aber, der vom richtigen Menschen bedient, Gesang, Kammermusik, Symphonieorchester, die ganze Welt werden kann. Grigorij Sokolov ist so ein außergewöhnlicher Kastenbediener. Watteweiche Klänge schickt er in den Konzertsaal, attackiert zugleich auch jeden Ton. Sokolov hält sich gerne im unteren Dynamikniveau auf; ein Mezzoforte genügt ihm oft als klares Rufezeichen. Seine Präzision ist außerordentlich: Tempo, Dynamik, Artikulation und Phrasierung stehen in einem kommunizierenden, idealen Verhältnis. Sokolov eint in seinem Spiel alle Alter - das unschuldige Kind, den drängenden Jugendlichen, den maßvollen Erwachsenen und den weisen Greis. Er durchlebt alle Temperamente, er strotzt vor Kraft und verliert sich in Augenblicken der Innigkeit. Das Allergrößte aber: dass Sokolovs Tun bei aller Reflexion nie weniger ist als Spiel. So klar, so auf das Wesentliche konzentriert war etwa das Adagio von Haydns F-Dur-Sonate Hob. XVI/23 gestaltet, dass man sogleich zu sich fand. Die Durchführung im Kopfsatz der D-Dur-Sonate Hob. XVI/37: ein Rausch. Sokolov spielt Praller solcherart, dass man sich wie irr drehende Kreisel zu sehen glaubt. Nach fünf Klassikwerken beendete er das reguläre Programm mit César Francks Prélude, chorale et fugue , und hier verblüffte er noch einmal, weitete seinen Ausdruck fast über das Vorstellbare hinaus, brüllte, ächzte, wütete, weinte. Nur ein Mensch, nur 88 Tasten. Und die ganze Welt ist da. (end/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 12. 2001)