Wien - Wenn der Schneefall aufhört, wird's kalt. Das ist immer so. Dann streiken die Autobatterien, das ist auch immer so - die Autofahrerclubs richteten sich bereits auf einen Großeinsatz zur Starthilfe ein. Denn es wird wirklich ziemlich kalt: Die Temperaturen sinken ordentlich unter den Gefrierpunkt, die Meteorologen der Hohen Warte prognostizieren Werte bis minus 22 Grad Celsius, mancherorts kann es sogar noch frostiger werden. Einen massiven Kaltlufteinbruch von Nordosten her, nennen sie es.Der Wind - ein gefährlicher Kältemacher Sobald die Quecksilbersäule unter null Grad Celsius fällt, wird der Wind zu einem unangenehmen, mitunter sogar gefährlichen Kältemacher. Vom Boden- bis zum Neusiedler See wissen die sturmerprobten Alpen- wie Flachländler ein Lied davon zu singen: Weht der Wind, sinkt im individuellen Empfinden die Außentemperatur im Vergleich zur Anzeige auf dem Thermometer drastisch ab. Gehren-Kombination minus zwölf Grad Celsius plus 32 km/h Windgeschwindigkeit Nach Angaben von Experten des Militärwetterdienstes, die diese Kühlwirkung in einer "Wind-Frost Tabelle" dokumentiert haben, birgt bereits die Kombination minus zwölf Grad Celsius plus 32 km/h Windgeschwindigkeit eine "zunehmende Gefahr": Der Körper registriert minus 32 Grad Der Körper registriert nach seiner subjektiven Kältewahrnehmung "arktische" minus 32 Grad. Ungeschütztes Gewebe bzw. Muskeln können innerhalb einer Minute erfrieren oder erstarren. Aber auch gut vermummte Zeitgenossen empfinden dieses Wetterkonstellation, die in unseren Breiten keine Seltenheit ist, als "bitterkalt". "Große Gefahr", sich ungeschützte Gliedmaßen im wahren Sinn des Wortes abzufrieren - und zwar innerhalb von 30 Sekunden -, würde ab minus 26 Grad Celsius und einer Windstärke von 56 km/h bestehen. Die auch ohne Sturm schon höchst unangenehme Temperatur würde dann mit minus 59 Grad als "extrem kalt" empfunden, so die Experten. Die Kühlwirkung steigt übrigens laut Militärwetterdienst bei Windstärken bis zu 65 km/h, noch stärkeres "Gebläse" habe für das Kälteempfinden nur noch wenig zusätzlichen Effekt. Schon bei plus fünf Grad kann es tüchtig kalt werden Aber selbst relativ "moderates" Winterwetter lässt durch das Werk des Windes die Zähne klappern: Schon plus fünf Grad werden bei einer Windgeschwindigkeit von 40 km/h trotz Winterkluft samt Pudelhaube subjektiv als minus zehn Grad Celsius empfunden. "wind chill"-Faktor Das große Zittern hat einen wissenschaftlichen Namen: Die Experten sprechen vom "wind chill"-Faktor, auf Deutsch Abkühlungsgröße, erläuterte Ernest Rudel, Leiter der Klimaabteilung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Hinter dem Fachausdruck versteckt sich jene Größe, mit der die Fachleute die Energiebilanz des Menschen - annähernd - berechnen können. "Der Mensch ist ein Warmblütler, der Energie benötigt und gleichzeitig abgibt", erläuterte Rudel. Die Energiebilanz ergibt sich aus der Aufnahme, z.B. durch Nahrung, und der Abgabe, die wir durch warme Kleidung oder den Aufenthalt in geschützten Räumen vermindern wollen. Die errechneten Daten sind Annäherungswerte, weil sie stark von äußeren Parametern abhängen: etwa vom Metabolismus, von der Bekleidung sowie ob und wie sich der Betreffende bewegt. Wer sich ordentlich einmummt, seine klammen Finger an einem Sackerl Maroni wärmt und am Punschstand hin und wieder wenigstens mit den Zehen wackelt, sollte die herrschenden arktischen Temperaturen unbeschadet überstehen... (APA/ DER STANDARD Print-Ausgabe 13.12.2001)