Die Reise nach Tuvalu wird langsam dringlich. Lange steht diese Insel nicht mehr, schon jetzt fordert die Südsee täglich ihren Tribut von diesem kleinen Land. Bald wird sich der Wasserspiegel geschlossen haben über einem Paradies, von dem nicht viel bekannt ist, weil es weit draußen im Stillen Ozean liegt. Tuvalu - das klingt, als hätten Karl May und Heinz Erhardt gemeinsam eine Insel erfunden, von der deutsche Spießer träumen, wenn sie mit der Gummiente in die Wanne steigen. Tahiti klingt nach Baströckchen, Mauritius nach Kolonialwaren, Seychellen nach Jet-Set, und Galapagos nach Fossilien. Tuvalu aber, das sich gerade noch über Wasser hält, liegt zum größeren Teil schon im Imaginären. Deswegen gehört Tuvalu in diese kurze Geschichte der Exotik.Sie muss dort beginnen, wo jede Reise anfängt: mit dem Finger auf der Landkarte. Karl May hat seinerzeit eine Linie von Bagdad nach Stambul gezogen und dann ein Buch dazu geschrieben. Außerdem hat er Amerika entdeckt und ein Greenhorn hingeschickt. Je weiter seine Fantasie aber in den Osten abschweifte, desto mystischer wurden seine Vorstellungen, und desto vager wurde ihr geographischer Gehalt. Ardistan und Dschinnistan finden sich in keinem TUI-Katalog, und kein Lonely-Planet-Reiseführer berichtet von diesen Ländern. Die Bedeutung von Karl May für das Fernweh der Mitteleuropäer kann gar nicht überschätzt werden, seine Helden sind immer Forscher und Kulturbringer zugleich, und sie bestehen ihre Heldentaten nur deswegen, weil sich darin die Überlegenheit des christlichen Abendlandes erweist. Der edle Wilde aber muss aussterben, oder er endet als Kellner in einem Club Med. Im 19. Jahrhundert war das Reisen noch ein Abenteuer, vor dem man sich durch die Lektüre von Abenteuerromanen prächtig drücken konnte. Wer es intellektueller haben wollte, las bei Flaubert und Nerval nach, wo Europa aufhört. Das 20. Jahrhundert aber begann mit dem Kino, und in dem Maß, in dem die fernen Welten anschaulich wurden, mussten sie auch für die eigene Anschauung erschlossen werden. Die Kameraleute der Brüder Lumière brachten Aufnahmen aus aller Welt nach Frankreich zurück, und plötzlich waren Nil und Ganges, Tempel und Palmen, Tiger und Elefanten in einer Weise gegenwärtig, die zu einer bruchlosen Fortsetzung der traditionellen Sommerfrische in Konkurrenz standen. Hätte es die zwei Weltkriege nicht gegeben, der Massentourismus hätte wohl schon viel früher eingesetzt, und er wäre viel früher global geworden. Fritz Langs Film "Das indische Grabmal", mit dem der deutsche Exotismus der 50er-Jahre seinen Höhepunkt erreichte, unterschied sich von seiner Vorlage aus der Stummfilmzeit hauptsächlich durch ein farbenfrohes Erscheinungsbild, in allen übrigen Hinsichten aber war ein Maharadscha ein Maharadscha, ein Fakir ein Fakir, und Indien ein Land, in dem die Sonne seit tausendundeiner Nacht nicht untergeht. Das Unbewusste kennt bekanntlich keine Zeit, davon profitieren die Tourismuswerber besonders, und jedes Reiseziel hat längst seinen eigenen Archetyp entwickelt. Bezeichnenderweise ist es die deutsche Technik, die erhöhte Reisetätigkeit erforderlich macht. Besuchsdiplomatie war schon damals nicht nur eine Sache hochrangiger Politiker. Jeder Deutsche, der in die Fremde fuhr, kam mit Ansichtskarten, aber auch mit Aufträgen zurück. In den 50er-Jahren bauten die Ingenieure noch Mausoleen, heute bauen sie eine Klinik unter Palmen oder Latrinen für die nächste Expedition Robinson. Die Nachbarn waren da immer schon viel weiter als die Deutschen. In einem Kurzfilm von Rossellini ist die Heldin eine Stewardess, die mit großen Augen durch eine thailändische Tempelanlage stakst, heute hier, morgen dort, und alles ist so enorm beeindruckend, dass man den Geliebten daheim fast vergessen könnte. Seit damals gelten Piloten als erotisch. Dass man im Fernen Osten auch untertauchen kann und sich in einer fremden und seltsamen Welt verlieren, erschloss sich nur einer privilegierten Schicht von Reisenden, die nicht die geordnete Sandstranderfahrung mit möglicher Verlängerungswoche suchten, sondern in der Tradition der großen Orientreisenden die Grenzen der Zivilisation hinter sich lassen wollten. Die Hippies in Goa waren die berühmteste Kolonie von Aussteigern, doch sie wollten in erster Linie in Ruhe gelassen werden, deswegen blieben sie kulturell ohne große Folgewirkung. Die große Mythologie aber, in der sich die Erfahrung des Exotischen mit den Bedingungen des Massentourismus versöhnte, wurden die Emmanuelle-Filme der frühen 70er-Jahre. Kerosin ist darin das wichtigste Aphrodisiakum, denn noch vor den Reizen der thailändischen Landschaft und ihrer Bewohnerinnen sind die mondänen Westmenschen erregt durch ihre Mobilität. Man sieht unentwegt Flugzeuge starten und landen. Auch die Frauen kommen auf diese Weise in den Genuss des Phallus, und Air France wurde geradezu ein Synonym für sexuelle Revolution. Die verwinkelten Gassen von Bangkok und die Wasserstraßen, auf denen Dschunken zwischen Spelunken verkehren, sind der ideale Ort für einen Abstieg zu den Müttern des multiplen Orgasmus. Dass es sich dabei überwiegend um Prostituierte handelt, wurde schon in den Emmanuelle-Filmen keineswegs verheimlicht, im Gegenteil, Sex wurde als eine der wichtigsten Dienstleistungen Thailands ausdrücklich gewürdigt. Die Vision einer künftigen Sextourismusindustrie von Michel Houellebecq in seinem jüngsten, noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman "Plateform" denkt nur weiter, was in der Welt der Emmanuelle schon vorbereitet ist: Urlaub wird zur Ganzkörpererfahrung, im Pauschalangebot ist der tägliche Höhepunkt inklusive, und Wellness bekommt eine ganz neue Dimension. Weil am Ende dieser Vorstellung der Ekel steht (und am Ende der Emmanuelle-Serie eine seltsame Auffassung von Seelenwanderung stand, die über das Altern von Sylvia Kristel hinwegtrösten sollte), gibt es aber auch einen Mainstream des Exotischen, in dem Sex sublimiert ist in Sonnenanbetung, und die Welt ein Solarium unter Palmen ist. Es ist das Mauritius des Xaver Schwarzenberger und das Thailand des Carl Spies. In diesen Fernsehfilmen und Serien, die bruchlos, nur auf einem höheren Konsumgüterniveau, an die 50er-Jahre anschließen, ist der Traum von der Fernreise in einer Weise in Erfüllung gegangen, dass es keiner Reifeprüfung für die Insel mehr bedarf. Es genügt die Fernbedienung. Die Menschen, die aus fernen Ländern zurückkehren, haben heiße Luft überlebt. Wenn hingegen jemand aus Tuvalu zurückkehren würde, da gäbe es am Ende sogar etwas zu erzählen. derStandard/rondo/14/12/01